Wandern und entdecken


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Es schmeckt der Landwein

Man sucht sie vergeblich in der Casa del Vino in El Sauzal, wo ansonsten Weine aller Anbaugebiete Teneriffas zu bekommen sind. Weinhändler in La Laguna und Santa Cruz zucken meis­tens ebenfalls mit den Achseln, fragt man sie nach Wein aus dem Anaga-Gebirge oder gar aus Taganana. Dort, in den kleinen Dörfern hingegen bekommt man sie spätestens auf Nachfrage problemlos ausgeschenkt, sebst in Chamorga kurz vor dem Ende der Welt. Und diese Weine sind gut; probieren lohnt sich.

Anfang der 1970er geriet ich das erste Mal an diesen Wein. Zufällig passierten wir damals in Taganana ein geöffnetes Tor. Dahinter stand ein großer Bottich, in dem einige Männer mit nackten Füßen Trauben stampften. Wir sahen ein Weilchen zu. In Sachen Inselwein waren wir, obwohl schon mehrere Jahre hier zu Hause, absolut unerfahren. Es hieß, die Weine seien so stark geschwefelt, dass man davon leicht heftige Kopfschmerzen bekomme. Das tränken nur die ärmeren Bevölkerungsschichten. Ab und zu hatten wir Inselwein gekostet und hin und wieder diese Warnung bestätigt gefunden. Üblicherweise tranken wir Weine vom Festland. Nach einiger Zeit, in der wir die Szene stumm betrachtet hatten, ergriff einer der Männer eine kleine bauchige Glasflasche, ging zu einem Fass, ließ daraus Wein in die Flasche fließen, verkorkte sie und tropfte zum Abschluss etwas Siegellack auf den Korken. Mit einem Lächeln schenkte er sie mir. Sie reiste mit bis in meine Studentenwohnung und wurde dort eines schönen Abends geleert. Seitdem liebe ich Weine aus Taganana.

Im Anschluss an eine Wanderung nach Taganana kaufte ich kürzlich in einer Bodega ein paar Liter Wein, solchen wie man mir damals geschenkt hat, und erzeugte beim Winzer ein ungläubiges Gesicht mit der Frage, welche Rebsorten er dazu verwende. Dann holte er aus und zählte die meisten der 16 hier angebauten Sorten auf. Sie würden alle gemischt, rote und weiße. Das sei eben das Besondere. Auf den Kanaren werden mehr als zwanzig Rebsorten angebaut. Viele davon gibt es nur noch hier. Andernorts verschwanden sie im 19. Jahrhundert, als die Reblaus ganze Bestände vernichtete. „Und“, fügte der Winzer selbstbewusst hinzu, „wir verwenden keine anderen Stoffe, nur unsere Trauben.“ Im Anaga war der Wein immer Bio. Erinnert der Geschmack dieses hellroten Weins etwas an Kirsche und Brombeere und wirkt angenehm leicht, kann man im Ort auch bernsteinfarbenen angeboten bekommen, der wie ein milder Sherry schmeckt. Es gibt ihn nicht, den einzigen, typischen Taganana-Wein.

Nicht alle Weine gelangen hier in die Bodegas. Familien keltern gerne für den Eigenbedarf. Da kann man schon mal sehen, wie ein Kind unter der Aufsicht des Großvaters in einem Fass die Trauben stampft. Fällt die Ernte reichlich aus, bekommt dann schon mal auch eine befreundete Bar etwas von diesem Wein und bietet uns vielleicht etwas davon an. Der Wein, der uns neulich eingeschenkt wurde, als ich mit einer kleinen Gruppe in der einzigen Dorfbar am Ende einer Straße einkehrte, war so einer und schmeckte ganz anders, so als hätten nicht nur Reinzuchthefen, die man heute normalerweise dem Most zusetzt, diesen vergoren. Wilde Hefen eben, die schon vor der Ernte auf den Trauben leben. Mir kam wieder die Erinnerung an den „schwefeligen“ Wein von früher. Tatsächlich schwefelte man damals die Fässer, um unerwünschte Keime abzutöten. Aber möglicherweise war es eben kein Schwefel, was wir zu schmecken meinten. Wahrscheinlich haben auch damals „wilde“ Hefen mitgegoren und genau diesen, überreifem Obst ähnlichen Geschmack erzeugt. Da konnten schon mal Stoffe entstehen, die Kopfschmerzen verursachen. Jedoch, traditioneller als der uns vorgesetzte kann ein Wein kaum noch sein und führt uns zugleich vor, wie sehr wir uns im Geschmack trotz der Vielfalt der Weine vereinheitlicht haben. Wir bekamen diesmal keinen dicken Kopf; der Wein war gut.

„Es schmeckt der Landwein in jedem Land fein“, dichtete Brecht – und hatte recht.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

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