Wandern und entdecken


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Pioniere und Lückenfüller

Wir begegnen ihnen fast über­all, an den Küsten, in den Ortschaften, in den Bergwäldern und selbst hoch oben am Pico del Teide. Haben sie genügend Zeit, kommen sie und setzen sich fest. Manchmal sind sie direkt auffällig, überwiegend aber eher unscheinbar neben all dem Spektakulären, das uns auf Wanderungen begegnen kann. Und meistens gehen wir achtlos vorbei und registrieren sie kaum. Flechten gehören zum Landschaftsbild. Aber mal ehrlich: Was wissen wir mehr über sie, als dass sie eben Flechten sind?

Ich bin Biologe, kein Botaniker und erst recht kein Flechtenspezialist. Dennoch erzähle ich gelegentlich meinen Gästen gerne etwas über diese seltsamen Lebewesen. Flechten sind Lebewesen im Plural. Genau genommen bestehen sie nämlich immer aus zwei völlig unterschiedlichen Organismen, einem einfachen Pilz und mikroskopisch kleinen Algen. Nur wenn beide ständig zusammenleben und sich auch noch gegenseitig nützen, sind sie eine Flechte. Symbiose nennt der Fachmann solch eine Lebensbeziehung.

Symbiosen sind in der Natur weit verbreitet. Haie fressen beispielsweise keine Putzerfische. Diese säubern ihnen jedoch die Zähne, sodass sich dort keine schädlichen Bakterien ausbreiten können, bekommen so leichte und gute Nahrung und sind im Gegenzug durch den Hai vor anderen Fressfeinden geschützt. Jede der beiden Arten könnte auch ohne die andere leben, aber gemeinsam geht es beiden besser. Bei Flechten sieht das auf den ersten Blick ganz ähnlich aus. Pilze leben normalerweise auf totem oder lebendem Material und  zersetzen dieses. Von den dabei entstehenden Produkten ernähren sie sich und spielen damit als Zersetzer eine wichtige Rolle im Naturhaushalt. Wo Flechten auftreten, gibt es aber für Pilze nichts zu zersetzen. Das bringt die Algen ins Spiel. Als kleine Pflanzen können sie nämlich im Licht aus dem Kohlendioxid der Luft nahrhaften Zucker herstellen – fehlt nur das Wasser als weiterer unverzichtbarer Rohstoff. Das ist auf besonnten Felsen, an denen Flechten gerne siedeln, sehr selten.  Dort können keine Algen leben. Wenn es mal regnet oder sich Tau niederschlägt, kann der Pilz aber im Gegensatz zur Alge Wasser speichern. Jetzt kommt ein Tauschhandel in Gang: Pilz gibt Wasser, Alge bezahlt mit Zucker, beide sind zufrieden miteinander und besiedeln genau solche Orte, an denen selten etwas anderes wachsen kann, vorwiegend also Steine, Felsen oder Baumrinde.

Unter solch optimalen, konkurrenzfreien Bedingungen würden andere Lebewesen schnell wachsen und sich weit ausbreiten. Nicht so die Flechten. Schauen wir also mal genauer. Die Algen vieler Flechten kommen in der Natur auch ohne den Pilz an Orten mit ausreichender Feuchtigkeit vor. Dort brauchen sie ihn nicht. Nach einem Regen könnten sie eigentlich den Pilz besser mit Nährstoffen versorgen, damit dieser schneller wächst. Aber das Gegenteil ist der Fall. Wenn es ihr gut geht, gibt die Alge nichts ab. Versorgt man den Pilz mit einem geeigneten Nährboden, wird auch er zum Egoisten und lässt die Alge verkümmern. Folglich wachsen Flechten nur so viel, wie unbedingt nötig ist, damit der Partner nicht umkommt. Im Hochgebirge beträgt das oft nur einen Zehntel Millimeter pro Jahr. Hungersymbiose nennt das der Fachmann, wenn die scheinbare Fürsorglichkeit einen krassen Egoismus überdeckt.

In den Wäldern stoßen wir oft auf die grünlichen Gespinste herabhängender Bartflechten. Dekorativ garnieren und nutzen sie die Lücken zwischen den Ästen, wo nichts anderes wachsen kann. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene hängen sie sich zum Spaß als mächtige Bärte oder wilde Haarpracht um. Im Lorbeerwald gibt es allerdings auch Moose, die ganz ähnlich von den Ästen herunterhängen. Krusten-, Blatt- und Strauchflechten siedeln eher auf Gestein, obwohl es unter ihnen auch waldbewohnende Arten gibt. 

Gesteinsflechten begegnen uns in fahlem Graugrün, leuchtendem Gelb oder Orange, einige sind auch braun oder schwarz. Auf unseren Inseln spielen sie eine wichtige Rolle bei der Besiedelung der lebensfeindlichen erkalteten Lavaströme durch Pflanzen. Meistens benötigen Pflanzen wenigstens ein bisschen Humus. Aber den gibt es dort kaum, außer wenn Flechten absterben und zu Humus werden. Der Prozess kann Jahrhunderte dauern. Schnecken können ihn beschleunigen, indem sie Flechten vom Gestein abnagen und verdauen. Nur beobachten wir auf den Felsen selten Schnecken. Sie vertragen Wärme und Trockenheit nicht. Aber einige kleine Schneckenarten verstecken sich tagsüber zum Schutz vor der Sonne in Felsspalten, wo es kühl und etwas feucht ist. Nur in der feuchtkühlen Nachtluft kommen sie zum Fressen hervor.

Die Lavafelder des vor 106 Jahren ausgebrochenen Chinyero sind noch weitgehend flechten- und vor allem pflanzenfrei. Die Pioniere tun sich hier bei der Ansiedlung schwer. Landkartenflechten, die wegen ihrer Gestalt so heißen und den Stein als dünne Kruste überziehen, und eine kleine Strauchflechte (Stereocaulon vesuvianum) kann man aber schon entdecken. Beide sind Spezialisten für genau diese Aufgabe. 

Schneller als die langsamen Flechten waren aber längst andere: In den unwirtlichen und lebensfeindlichen Lavaströmen leben Mengen kleiner Spinnen, spinnen ihre Fäden und lauern dort auf Beute. Die warmen Felsen locken nämlich Insekten an. Leichte Beute, gut für Spinnen. Da Spinnen aber keinen Kot, der zu Humus werden könnte, sondern nur etwas Harnstoff ausscheiden, müssen die Pflanzen noch warten, bis viele Flechten gewachsen und zu Humus geworden sind.

Michael von Levetzow

Tenerife on Top 

mico@tenerife-on-top.de

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