Vertrauen oder mieses Spiel


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Ich möchte Ihnen von einer Frau erzählen, die in den Augen der Menschen ihrer Umgebung eine sehr unmoralische Frau ist.

Das Ganze spielt sich im Tempel von Jerusalem ab, in dem Jesus mit einigen Schriftgelehrten und Pharisäern zusammensaß. Plötzlich wird eine Frau herbeigebracht, wahrscheinlich eher herbeigezogen und Jesus mit der Aussage konfrontiert: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ertappt worden. Du weißt: Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du aber? Und alle sind gespannt: Was wird er jetzt wohl dazu sagen? Die Schriftkundigen haben ja recht. So wie sie es sagen, steht es im Gesetz des Mose. Doch warum fragen sie überhaupt? Es scheint doch alles klar zu sein: Die Frau sitzt in der Falle und mit ihr wohl auch Jesus.

Merken Sie etwas? Jetzt könnten die Spiele anfangen. Die miesen Spiele, die der amerikanische Therapeut Eric Berne die immer gleichen Muster genannt hat, mit denen Menschen Gespräche führen. Spiele, die immer gleich ablaufen und die schlussendlich nicht weiter führen. Die Frau, die sie zu Jesus gebracht haben, könnte zum Beispiel sagen: 

„Liebe Leute, ich verstehe, dass ihr diesen Eindruck von mir habt. Der Eindruck ist aber falsch. Ich will euch erklären, wie es wirklich war…” Das ist das „Ätsch, ihr kriegt mich nicht“ – Spiel. Peinlich für die andern, wenn sich ihr Vorwurf tatsächlich als haltlos herausstellt. Da dachte man, zwischen den beiden wäre was passiert; sie hätten was miteinander. Und dann stellt sich heraus: Es war alles ganz harmlos; nichts ist passiert; war nur eine Verwechslung.

Die Frau könnte auch ein anderes Spiel beginnen, das berühmte „Ja-aber-Spiel”: „Ich habe das getan. Ich will’s nicht leugnen”, so könnte sie argumentieren, „aber glaubt mir: Ich wollte das alles nicht. Ich bin bedrängt worden, und man hat mir den Kopf verdreht. Ehrlich! Wenn ich das alles vorher gewusst hätte, dann hätte ich das nicht gemacht”. Wer seine Haut retten muss, dem sind alle Mittel recht. Er beginnt dann häufig das „Ihr-seid-ja-auch-nicht-besser-Spiel”, das folgendermaßen geht: 

„Das habe ich getan, und das war nicht gut“, wird die Frau sich verteidigen. „Aber nun möchte ich euch eine Frage stellen. Habt ihr einmal darüber nachgedacht, dass zu einem Seitensprung immer zwei gehören? Du da hinten, setz deinen Hut ab, damit die anderen dich sehen. Du bist doch auch nicht besser. Wie lange kennen wir uns schon? Wir hatten doch bislang einfach nur Glück, dass sie uns nie erwischt haben.“ So wird aus dem Opfer der Rächer und aus dem Gejagten der Jäger. Es ist das große Aufwaschen, wie man so schön sagt. „Wenn schon ich, dann aber du auch“.

Bleibt die Frage: Wie geht Jesus mit solch miesen Spielen um? Die Geschichte von dieser Frau, die sie zu ihm bringen, zeigt: Er geht nicht auf das Spielangebot ein. Er ist gekommen, uns von unseren miesen Spielen zu befreien. Und wie? Er bückt sich nieder und schreibt mit dem Finger auf die Erde. Er schweigt, die Menge schweigt und auch die Frau. Das Schweigen knistert. Er malt mit dem Finger im Sand herum. Wie lange werden sich die Theologen und Juristen dieses sein Verhalten gefallen lassen? 

Als sie nun fortfahren, ihn zu fragen, richtet er sich auf und spricht zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie. Und er bückt sich wieder und schreibt auf die Erde. Jesus stellt die unausgesprochene Frage: Was verdeckst du mit deinen Worten? Was treibt dich eigentlich? Was sind deine wirklichen Motive? 

Als sie das hören, gehen sie weg, einer nach dem andern; und Jesus bleibt allein mit der Frau, die immer noch in der Mitte steht. Jesus aber richtet sich auf und fragt sie: Frau, wo sind deine Ankläger? Hat dich niemand verurteilt? Sie antwortet: Niemand, Herr. Und Jesus sagt: Auch ich verurteile dich nicht; geh und sündige nicht mehr. 

Schuld wird hier also keinesfalls verschleiert, abgestritten oder versteckt. Was geschehen ist, ist geschehen. Schuld ist da. Aber das Entscheidende: Jesus verurteilt nicht. Er sagt: Geh hin, mach es anders! Das ist das Entscheidende, dass wir’s besser miteinander machen. „Vergebung” – das Wort fällt hier nicht. Doch hier wird Vergebung gelebt. Vergebung leben, heißt: Ich schenke dir auf’s Neue mein ganzes Vertrauen ohne Wenn und Aber. Mit genau diesem Vertrauen aber kann die Frau ohne Wenn und Aber leben. Nur mit diesem Vertrauen können auch wir – Sie und ich – leben, können wir’s besser machen.

Durch Misstrauen hat noch keiner zum Guten gefunden. Denn Misstrauen ist ein böses Gift. Es lähmt und zerstört. Es erstickt jeden neuen besseren Versuch und zwingt in die alten Gleise. Und dann haben all die wieder recht gehabt, die das alles schon vorher gewusst haben. Dann können und wollen sie ihre alten miesen Spiele weiterspielen, das „Hab-ich-doch-gleich-gewusst-Spiel”, das Spiel „Die-schafft-das-nie” oder das kaputt machende, genüssliche Spiel „Siehste! Schon-wieder”.

Jesus sät Vertrauen. Und genau dieses Vertrauen Jesu ehrt diese Frau. Das trägt sie. Mit einem solchen Vertrauen, mit einem Gott, der mir vertraut, und mit Menschen, die mir vertrauen, da kann ich einen guten Weg gehen. Denn Menschen zu enttäuschen, die mir ihr Vertrauen schenken, die es gut mit mir meinen, das ist gar nicht so leicht. Vertrauen wirkt Wunder. Denn es bringt auf wundersame Weise eine neue Qualität in jede Gemeinschaft. Dann ist Raum da für neue Gedanken, für eine tiefere Einsicht. Was verhärtet war, löst sich. Und miese Spiele kommen endlich ans Ende.

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und 

Residentenseelsorger




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