Versuch eines Nachrufs auf eine großartige Frau


© Privat

Rosemarie v. Levetzow gründete 1966 die Deutsche Schule Puerto de la Cruz

Geboren 1923 in Dresden als „Kind aus gutem Hause” hat der Krieg einschneidenden Einfluss auf ihren Lebensweg gehabt. Vor den Russen mit einem Fahrrad in den Westen geflüchtet, kam sie mit ihrem Mann zunächst bei Verwandten in Hannover unter; spätere Stationen waren Essen, Remscheid und Köln, bis sie 1966 den großen Sprung nach Teneriffa wagte. Sie hatte viele Talente, zu denen das Geldverdienen allerdings nicht gehörte, und so hat sie mit ihrer kleinen Schule wahrlich keine materiellen Reichtümer gescheffelt, wohl aber mit leichter Hand das geteilt, was sie in reichem Maße besaß: Bildung, Kultur und gesunden Menschenverstand. Deshalb war sie allseits geachtet und wurde von vielen geliebt.

Unsere Mutter ist tot. Ich soll einen Nachruf schreiben, doch mir stockt das Wort im Herzen. Und doch will ich es versuchen, für sie, um diese Persönlichkeit, die unsere Mutter war, noch einmal in aller Öffentlichkeit zu würdigen.

Auf Teneriffa und in Puerto de la Cruz war sie unter den Canarios allgemein bekannt und geschätzt als „doña Rosa” von der deutschen Schule, als „Rosmarie” bei ihren Freunden.

Zweifellos hat diese von ihr so geliebte Insel ihre Persönlichkeit stark geprägt, denn mit dem gleichen Wissensdurst, mit dem sie alles ihr Unbekannte kennenzulernen und zu verstehen suchte, hat sie auch das Wesen und den Charakter dieser Insel ergründet und sich viel davon zu eigen gemacht. So hat sie ihren deutschen Schülern genauso selbstverständlich die kanarische Folklore und ihr Wissen über Blumen und Pflänzchen in der Natur nähergebracht, wie sie selbst in jüngeren Jahren mit ihrem Pferd Mora bei den Romerias mitgeritten ist, ausgedehnte Wanderungen in den Bergen unternommen und sich immer wieder an der belebenden Frische des Atlantiks erfreut hat. Noch im Alter von 78 Jahren humpelte sie mühsam an ihren Krücken auf die Mole von San Telmo hinaus, um dann mit einem flotten Kopfsprung ins Meer einzutauchen. Und bis kurz vor ihrem Tod ist sie bei jedem Ausflug in ihre geliebten Berge an ebendiesen Krücken auch wenigstens ein paar Schritte in der Natur gelaufen, so mühevoll ihr das inzwischen auch geworden war.

Sie hatte früher eine wunderbare Sopranstimme, die mit den Jahren brüchig geworden war. Einmal sagte mir – und das ist noch gar nicht lange her – nach dem Gottesdienst in San Telmo ein Bekannter: „Ach, das ist deine Mutter? Ich versuche in der Kirche immer, möglichst in ihrer Nähe zu sitzen, weil sie so schön singt.” Diese Freude am Gesang hat sie all die Jahre an ihrer kleinen Schule vermittelt, und ein so breiter Liederschatz wie der, den sie an ihre Schüler weitergegeben hat, ist heute selten geworden. Bei Schulausflügen war dann auch im Bus das Liedersingen eine der wichtigsten Attraktionen, an die sich ihre Schüler noch heute gern erinnern.

Geboren im Jahr 1923 in Dresden, war sie das zweite Kind von insgesamt fünf Geschwistern. Eigentlich hatte sie Medizin studieren und damit ihrem geliebten und bewunderten Vater, einem Chirurgen, nacheifern wollen, doch der Krieg kam dazwischen, und so musste sie das Studium nach wenigen Semestern abbrechen und konnte es nie wieder aufnehmen. In den letzten Kriegstagen heiratete sie den Maler Otto-Ferdinand v. Levetzow, mit dem sie vier Kinder hatte: Christiane, Michael, Benedicta und Teresa. Als ihre jüngste Tochter in die Schule kam, beschloss sie, nun auch wieder etwas zu lernen und schrieb sich an der Kölner PH ein. Während dieses Studiums absolvierte sie ein Landschulpraktikum, das richtungsweisend für ihr weiteres Leben sein sollte: Sie unterrichtete da im Bergischen an einer sogenannten Zwergschule, in der mehrere Klassen in einem einzigen Klassenraum untergebracht waren. So lernte sie, mehrzügig zu unterrichten. Mitte der 60er Jahre nach Teneriffa gekommen, war ihr dieses Wissen für ihre winzige Schule sehr wertvoll, und sie hatte es schließlich in dieser Methode derart zur Perfektion gebracht, dass sie problemlos bis zu vier Klassen gleichzeitig unterrichtete.

Ihre Freude daran, ihr breites Wissen zu teilen, kam ihren Schülern zugute. So wurde im Unterricht nicht nur der Lehrstoff durchgenommen, der im Buch stand, sondern auch ganz nebenbei – wenn dann vielleicht gerade eine Mondfinsternis anstand – mit Ball, Orange und Taschenlampe praktisch demonstriert, wie so ein Naturereignis zustandekommt. Oder, falls gerade eine Mozartoper im Guimerá-Theater aufgeführt wurde, mal kurz kindgerecht über das Wunderkind Wolfgang referiert.

Zu diesem Osterfest 2006, an dem sie schon praktisch keine normale Nahrung mehr zu sich nehmen konnte, haben wir ihr gute Wünsche und Erinnerungen in ihr Osterei gelegt. Bemerkenswert, dass alle Enkel übereinstimmend geschrieben (und nicht voneinander abgeschrieben) haben, wie dankbar sie für diese vielseitige Großmutter sind, die ihnen so viel beigebracht hat.

Sie war eine bemerkenswerte Frau, und sie wurde bemerkt. Ich möchte mit einer Anekdote schließen, die mir in diesen Tagen der Trauer, des vielen Nachdenkens und der Erinnerungen neben vielen anderen wieder in den Sinn kam: Im vergangenen Jahr waren wir in den Osterferien nach Ägypten gereist. Der Rückflug nach Madrid hatte Verspätung, der Anschlussflug nach Teneriffa war weg. So „parkte“ ich meine Mutter im Rollstuhl mit meiner Tochter in der Nähe einer überfüllten Cafetería und ging fort, um die Flüge umzubuchen. Als ich wiederkam, trat ein uns völlig fremder, gutaussehender Spanier in den 60ern auf mich zu und sagte höflich: „Ich beglückwünsche Sie zu Ihrer Mutter – das ist doch Ihre Mutter, nicht wahr? Also, ich finde sie bewundernswert. Ich beobachte sie schon die ganze Zeit, und dieses wache, lebhafte Wesen, dieses Interesse an ihrer Umgebung, das sie zeigt, ihre ganze Art, das ist einfach großartig.”

Resa v. Levetzow

 

Sie hat es geschafft, hier einen Grundstock für etwas zu legen, was seither nicht mehr aus dem Gemeinwesen von Puerto und Umgebung wegzudenken ist. Wir möchten nicht wissen, wie vielen Schülern sie hier das Grundwissen nicht nur fürs Lesen, Schreiben und Rechnen, sondern auch fürs Leben vermittelt hat. Werte, die ihr wichtig waren wie: Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Ausdauer und Genauigkeit, Zielstrebigkeit und Geradlinigkeit, Loyalität und Liberalität im Denken und im Handeln – das alles hat sie nicht nur in Worten vermittelt, sondern das konnte man auch an ihrem Wesen erfahren und erleben. Sie war eine  überzeugte und eine überzeugende Pädagogin…

Andrea und Bertram Bolz

Sie war in jeder Beziehung eine außergewöhnliche Frau, voller Liebe, Fürsorge, Geist und Witz.Und nicht zu vergessen: Sie hat Enormes geleistet.  Inge Feier

Es ist schwer, 4O Jahre Freundschaft mit dieser wunderbaren Frau in wenigen Worten auszudrücken.

Mir bleibt eine tiefe Dankbarkeit für alles, was sie unseren Kindern mit auf den Lebensweg gab.

Als Freundin werde ich niemals unsere tiefen,wertvollen Gespräche vergessen, die durch ihre Länge oft – am Telefon – mit einem tauben Arm endeten oder wenn es beim Verabschieden zwischen der grünen VW Käfertür noch lange weiterging.

Ulla Kessel

Una mujer comprometida. Paciente y sapiente. Fue una persona emprendedora y constante. Que supo amar al Puerto como la ciudad donde desempeñó una inmensa labor vinculada a la educación y la enseñanza.

Salvador García Llanos

Ihre natürliche Bereitschaft, jederzeit über die wirklich wichtigen Themen des Lebens, Geist, Seele, Lehren und Lernen, zu philosophieren. Es war (ist) Teil ihres Wesens, sich der höheren Aspekte des Lebens bewusst zu sein.   Maria Sandholzer

Schade, dass ich sie so spät kennengelernt habe. Sie war für mich ein besonderer Mensch.    Marion Eichhorst

Frau von Levetzow war eine Dame mit großer Ausstrahlung, sehr gradlinig und offen für neue Themen.

Ursula Talg

Ich werde Rosemarie in sehr, sehr schöner und warmer Erinnerung behalten! Ich habe sie sehr gemocht!

Christoph Voss

Pués para mí era una mujer, super inteligente, coqueta, educada, muy vital, con muchas ganas de vivir, y veía en ella que se abrazaba a la vida, le gustaba trabajar, estar con papeles, porque se sentía útil, a pesar de que ya lo era, yo personalmente me entendía muy bien con ella, y la admiraba, era una gran SEÑORA, con todas las letras.       Sayda Suleimán

En este día en el que la noticia de la muerte de una persona muy entrañable para mí, en el que mi corazón ha dado un vuelco inesperado, he de agradecer los ratos que la vida me brindó, en compañía de la Señora Rosemarie, una persona que transmitía serenidad y alegría a pesar de sus esfuerzos por luchar contra los pesares que tiene tener un cuerpo ya cansado por la edad, una persona sonriente, amable y de un corazón grande que se dejaba ver entre sus muestras de cariño hacia una persona, por eso agradezco que la vida me haya regalado el saber que todavía existen personas con la calidad humana de ella, gracias por tu sonrisa Señora Rosmarie, no la olvidaré.    Claudia Reyes

Für uns bleibt vorbildlich, mit welcher Würde und Selbstverständlichkeit sie ihre Altersgebrechen in ihren Alltag integriert hat, ohne sich wehleidig zu geben. Wir denken mit Liebe und Verehrung an sie.

Barbara und Wolfgang Dietzfelbinger




Über Wochenblatt

Das Wochenblatt erscheint 14-tägig mit aktuellen Meldungen von den Kanaren und dem spanischen Festland. Das Wochenblatt gilt seit nunmehr 36 Jahren als unbestrittener Marktführer der deutschsprachigen Printmedien auf den Kanarischen Inseln.