Vermeintlicher Fall von Kindesmissbrauch entpuppte sich als Unfalltod – wahrscheinlich durch ärztliche Fahrlässigkeit


© EFE

Der nach dem Tod der dreijährigen Aitana verdächtigte und festgenommene Freund der Mutter wurde freigesprochen

Ein angeblicher Fall von Kindesmissbrauch erschütterte am 25. November Teneriffa. Ein dreijähriges Mädchen war am 24. November nach zwei Herzstillständen in das Krankenhaus Nuestra Señora de Candelaria in Santa Cruz eingeliefert worden. Das Kind kam aus dem Gesundheitszentrum von El Mojón in der Gemeinde Arona, wo auch der ers­te Arztbericht erstellt worden war.

Darin war der klare Verdacht auf Misshandlung und Miss­brauch festgestellt worden. Der daraufhin verhaftete  Freund der Mutter, der das Kind nahezu bewusslos am 24. November ins Gesundheitszentrum von El Mojón gebracht hatte, wurde als Hauptverdächtiger festgenommen.

Die Kleine starb wenige Stunden nach ihrer Einlieferung ins Krankenhaus. Sie hatte nach drei Herzstillständen, von denen sie reanimiert werden konnte einen vierten Stillstand ihres kleinen Herzens nicht überlebt. Daraufhin wurde die Nachricht verbreitet, der Verdächtige werde nun des Mordes angeklagt, und es wurde ihm der Stempel des Kinderschänders aufgedrückt. „Wieder ein Fall von häuslicher Gewalt“ – das Entsetzen über die schreckliche Tat war maßlos. Tage später nahm die traurige Geschichte des Todes der kleinen Aitana allerdings unversehens eine gewaltige Wende, und der mutmaßliche Verbrecher war plötzlich das unschuldige Opfer.

D.P.V. wurde nach 72 Stunden Haft vom zuständigen Richter auf freien Fuß gesetzt und im Gerichtsurteil ausdrücklich festgehalten, dass es „keinerlei Anzeichen für sexuellen Missbrauch oder Miss­handlungen gibt“. Die Autopsie habe ergeben, dass die von dem diensthabenden Arzt in El Mojón festgestellten „Verbrennungen“ keine waren, sondern eine Allergie. Die blauen Fle­cken, die das Mädchen hatte, stammten vermutlich von einem Sturz drei Tage zuvor, und es seien keinerlei Anzeichen einer Vergewaltigung festzustellen, wie der Arzt in El Mojón in seinem Bericht notiert hatte.

Es bestätigte sich somit die Version des Angeklagten, der das Kind ins Gesundheitszentrum gebracht und dem Arzt mitgeteilt hatte, dass das Mädchen drei Tage zuvor auf einem Spielplatz einen Sturz erlitten hatte, daraufhin im selben Gesundheitszentrum untersucht und mit der Feststellung entlassen worden war, dass das Nasenbein nicht gebrochen sei, nun aber wiederholt erbrochen und Atemprobleme habe. Die Autopsie bestätigte, dass die Dreijährige vermutlich an den Folgen eines Sturzes starb. Das Schädel-Hirn-Trauma, an dem Aitana wahrscheinlich Tage nach dem Unfall starb, hätte durch eine eingehendere Untersuchung beim ersten Arztbesuch festgestellt werden können, weshalb der Anwalt von D.P.V. und der Familie des Kindes nun eine Anzeige gegen den diensthabenden Arzt wegen Fahrlässigkeit erwägt. Sein Mandant sei „am Boden zerstört“, teilte er den Medien nach dem Freispruch mit. Er habe das Kind sehr geliebt, und es sei furchtbar für ihn gewesen, dieser schrecklichen Dinge angeklagt zu werden. Seine Lebensgefährtin und Mutter des Mädchens hatte von Anfang an seine Unschuld beteuert und versichert, dass es sich nur um ein Missverständnis handeln könne, weshalb sie selbst unter den Verdacht geriet, den Täter zu decken.

Vorwürfe richten sich nun auch gegen die Guardia Civil, die zu voreilig Einzelheiten des ersten Arztgutachtens publik machte, die von den Medien wiedergegeben wurden. Man erhoffe sich nun zumindest eine Entschuldigung der Guardia Civil. Sein Mandant befinde sich momentan nicht in der Lage zu einer öffentlichen Stellungnahme und sei auf Anordnung der Polizei auch noch nicht in seine Wohnung zurückgekehrt. Man wolle ihn vor möglichen Repressalien falsch informierter Personen schützen.

Die kleine Familie war erst im Oktober von Madrid auf die Insel gezogen und lebte in Costa del Silencio. Auf einem dortigen Spielplatz erlitt das Kind auch den Sturz, an dessen Folgen es starb.




Über Wochenblatt

Das Wochenblatt erscheint 14-tägig mit aktuellen Meldungen von den Kanaren und dem spanischen Festland. Das Wochenblatt gilt seit nunmehr 36 Jahren als unbestrittener Marktführer der deutschsprachigen Printmedien auf den Kanarischen Inseln.