Vergebliche Liebesmüh


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Wenn ich heutzutage mit Eltern oder auch Katecheten und Religionslehrern so ins Gespräch komme oder sie in den Tagen ihres Urlaubes mir mal ihr Leid klagen, dann lässt sich darauf oft als einziges Fazit am Ende die Aussage ableiten: All unsere Anstrengungen sind doch letztlich vergeblich.

Jedes Engagement, z.B. all derer, die Kinder und Jugendliche auf die Erstkommunion, Firmung oder auch Konfirmation vorbereiten, scheint irgendwie zu versickern. Es ist einfach „vergebliche Liebesmüh“. Und häufig genug rauben solche Gedanken einem dann die Entschlossenheit oder auch den Schwung, an etwas Neues heranzugehen. Zu oft ist man enttäuscht worden, zu oft hatte man schon den Eindruck: Aller Einsatz ist vergeblich. 

Mich erinnert eine solche Stimmung dann immer an die Jünger Jesu, wie sie dem auferstandenen Jesus begegnet sind und was er ihnen gesagt oder was er sie angewiesen hat. Erinnern Sie sich an die Geschichte vom reichen Fischfang? Da hatte Petrus doch für sich und seine Freunde auch alles beachtet, was als Voraussetzung für einen guten Fischfang notwendig ist. Sie hatten sich gut präpariert, sind in der Nacht losgerudert, weil man Fische am besten in der späten Nacht, also in den Morgen hinein fängt. Aber von wegen – leer waren die Netze. Und was macht der Mann am Ufer? Was sagt ihnen Jesus? Sie sollen am hellen Tag ausfahren und die Netze noch einmal auswerfen – also gegen all ihre Berufserfahrung, die sie gesammelt und überliefert bekommen haben.

Vielleicht ist das ja aber das Stichwort für uns heute: gegen jede Erfahrung. Erfahrungen sind ja häufig genug wie Geleise, auf denen wir sicher unterwegs sind und von denen wir annehmen können, dass sie uns auch sicher ans Ziel bringen. Nur – Neues lässt sich auf diesen ausgefahrenen Geleisen kaum entdecken. Und was dazu kommt: vor Neuem haben wir oft Angst und Zweifel. Wobei ich jetzt nicht sagen möchte, dass das immer schlecht sein muss. Mitnichten. Denn ohne Zweifel und Angst, so meine ich, hätten wir oft auch kein Maß und würden uns wohl häufig genug überfordern. Es macht ja auch keinen Sinn, ständig gegen all die Erfahrungen zu handeln, die man bereits in seinem Leben gemacht hat. Und doch macht es Sinn, Neues auszuprobieren. Das gilt auch für unsere Kirche und das muss ihr und natürlich auch einer Gemeinde ständig gesagt werden.

Mit Jesus ist das Neue der Auferstehung gekommen und dennoch haben wir z.B. Angst vor dem Sterben. Mit Jesus ist das Neue gekommen, dass wir gegen den Strom schwimmen müssen, um zur Quelle zu kommen, aber wir schrecken davor zurück. Warum? Fehlt uns das Wechselspiel der Überraschung? Das gelegentliche Geschenk Gottes eines wirklich reichen Fischfangs? Den Jüngern ist ja genau diese Erfahrung zuteil geworden. Nach vielen Momenten und Situationen vergeblicher Liebesmüh, da wird ihnen ein volles Netz geschenkt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie sie dann da um das Feuer saßen und sich die gebratenen Fische schmecken ließen, ohne überhaupt groß über dieses wundersame Zeichen nachzudenken. Nein, sie haben einfach genossen, was ihnen geschenkt war. Für mich heißt das aber: Wer sich den Genuss verbietet, der wird auch nichts von Gott erfahren.

Nun sieht ja der eingangs erwähnte schwindende Glaube, vor allem auch bei der nachwachsenden Generation, wirklich auch nach „verlorener Liebesmüh“ aus: So viele Stunden Religionsunterricht; so viele Stunden und gemeinsame Treffen im Rahmen der Erstkommunion-, der Firm- oder auch Konfirmationsvorbereitung – und so weiter! Und was dann? Ich vermute einfach mal, dass wir den Menschen – auch und gerade den jungen Menschen – viel zu selten beibringen, dass Gott schmeckt und wie Gott schmeckt. Aber wenn uns Gott natürlich selbst nicht schmeckt, dann werden auch unsere Versuche mit ihm zur „verlorenen Liebesmüh“. Was ich damit meine? Wenn uns Unbegreifliches geschieht, was wir aus seiner Hand vermuten – also Schmerz und Leid, auf die es keine Antwort gibt; Gebete, bei denen er stumm bleibt; Zumutungen, die in eine ganz andere Richtung laufen, als wir wollen – dann schmeckt uns das nicht. Dabei können wir oft nur nicht erkennen, dass dort, wo alles nach „vergeblicher Liebesmüh“ aussieht, wo wir verwundet oder gar gebrochen sind, wir aufgebrochen werden für die Besonderheit Gottes. Und das hat jetzt nichts mit Vertröstung zu tun. Vielmehr meine ich damit, dass dort, wo wir den Schmerz und die Enttäuschung fühlen, wir auch ganz wir selbst sind. Wo wir aber wirklich wir selbst geworden sind, da wandeln sich dann die „Liebesmühen“ in Erfahrungen. Und von denen sollten wir uns immer dann überraschen lassen, wenn wir ganz tief unten sind. Dann ist nichts, aber auch gar nichts „vergebliche Liebesmüh“.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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