Umsonst


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Wir alle kennen das geflügelte Wort: „Nicht mal der Tod ist umsonst, er kostet das Leben.“ Kosten-Nutzen-Rechnungen bestimmen unser Leben, ja fast schon unseren Tagesablauf. Vielleicht bin ich ja auch deshalb über den Satz Jesu gestolpert: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben!“ Mit diesen wenigen Worten schickt Jesus seine Freunde auf die erste Missionsreise.

Sie sollen die Nähe des Reiches Gottes verkünden, sollen die Nöte der Menschen sehen und überwinden helfen – alles ohne Geld, ohne Gegenleistung, einfach umsonst. 

Umsonst? Da werden jetzt viele unter Ihnen hellhörig und sagen: „Aber doch nicht in der Kirche!“ Da ist nichts umsonst. Am Sonntag macht der Klingelbeutel seine Runde, am Schriftenstand ist eine Kasse aufgestellt, es werden Kerzen und Opferlichter verkauft, vor dem Hl. Antonius lädt ein Opferstock zum Geldeinwerfen ein und überhaupt: Ständig ist Geld im Spiel und wird zu neuen Sammlungen und Spendenprojekten aufgerufen.

Natürlich können wir diesen großen Finanzbedarf unserer Gemeinden und Kirchen gut begründen. Da ist der Unterhalt fürs Gemeindezentrum, das hauptamtliche Personal, die diakonischen und caritativen Aufgaben usw. Das geht alles ganz gewaltig ins Geld. Und wenn nicht so viele Gläubige mitunter wirklich große Summen spenden würden, dann wäre vieles einfach nicht mehr machbar. Alles richtig! Und dennoch wirkt dieses Wort Jesu in mir wie ein Stachel: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ Sind wir da als Kirche nicht angreifbar? Macht dies das Arbeiten von uns Hauptamtlichen nicht fragwürdig und unsere Predigten unglaubwürdig? Noch dazu, wenn wir davon gut und sorgenfrei leben können?

Gut. Wir haben im deutschsprachigen Raum schon seit vielen Jahren die früher vorgesehenen Gebühren abgeschafft: Taufscheine werden kostenlos ausgestellt, bei Trauungen und Beerdigungen werden keine Rechnungen ausgestellt und Gedenk- oder Jahrtagsgottesdienste für Verstorbene werden in vielen Gemeinden mit Spenden auf freiwilliger Basis gefeiert. Dass wir hier auf Teneriffa anders handeln, das hängt zum einen mit der Praxis der spanischen Ortskirche zusammen bzw. der Tatsache, dass wir hier keine Kirchensteuer erheben. Dabei möchte ich aber auch in aller Deutlichkeit sagen, dass es geradezu blauäugig und fahrlässig wäre, nicht auf freiwillige Spenden zu setzen. Schließlich hängt das Leben, oft genug das Überleben von Menschen, von unserer Bereitschaft ab, im Teilen und Spenden einen Beitrag von Ausgleich und Gerechtigkeit zu leisten. Genau so, wie es die junge Kirche getan hat, um Notlagen von Menschen abzuwenden oder wenigstens abzumildern.

Umsonst – das hat für mich aber auch noch eine andere Bedeutung: Es geht um den Auftrag und die Angebote einer Gemeinde. Im Klartext heißt das, wir müssen darauf achten, dass die Menschen von uns dort abgeholt werden, wo sie stehen. Es kann also nicht darum gehen, dass wir Vorbedingungen stellen und Hürden in unserer Kirche aufrichten, die für Menschen kaum zu überwinden sind. Solche Hürden oder sagen wir besser: „Barrieren“, die reichen von Gottesbildern bis hin zu Glaubenssätzen, von sogenannten „Tabuthemen“ wie Frauenpriestertum u.ä. bis hin zum großen Regelwerk des Katechismus, der mehr als 800 Seiten beinhaltet. In der Gemeinschaft von Glaubenden muss alles besprochen werden können und auch angesprochen werden dürfen. Nur so nehme ich die Menschen von heute ernst.

Weiter heißt für mich das „umsonst“, auf die Menschen zu achten, die mit Gottesdiensten und Bindung an eine Gemeinde ihre Schwierigkeiten haben. Es ist nämlich ein großer Unterschied, ob wir das, was wir von Gott und über Gott auszurichten und zu erzählen haben, so vermitteln, dass es nur ein bescheidener Kern versteht, oder ob wir auch die Menschen erreichen wollen, die an Gott glauben möchten.

Dieses „Umsonst“ wird für mich dann erfüllt, wenn Menschen mit ihren Fragen, ihrem Nichtwissen, aber auch mit ihren Zweifeln und Sehnsüchten zu uns kommen können. Es wird für mich auch dann erfüllt, wenn auch ihre nicht vorrangig religiösen Anfragen und Bedürfnisse bei uns aufgehoben sind und ausgesprochen werden können – z.B. ihre politischen Ansichten oder auch nur der Ärger über die Verteuerung der Lebenshaltungskosten.

Für mich schließt sich dann der Kreis – denn: Umsonst ist ein Lächeln und ein gutes Wort. Umsonst ist ein aufmunternder Blick und ein zärtliches Streicheln. Umsonst – aber nicht vergeblich. Umsonst ist die Zuwendung Gottes, umsonst seine Versöhnung und seine Nähe in Brot und Wein. Umsonst – aber nicht ohne Wirkung. Umsonst haben wir empfangen – umsonst sollen wir geben; können wir nehmen und geben. Umsonst!!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder www.wochenblatt.es




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