Überm Berg?


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Wenn wir von einem Menschen sagen, er sei jetzt „überm Berg“, dann geben wir für seine Zukunft ein positives Signal. Nach einer finanziellen, gesundheitlichen oder auch sehr persönlichen Krise hat sich, nach dieser Aussage, doch alles wieder zum Besten gewendet.

Als Jesus „überm Berg“ war, da war auch eine Entscheidung gefallen: Die Entscheidung, dass er den Weg nach Jerusalem konsequent bis zum Ende gehen wird. 

Im Glanz des Taborlichtes (Tabor so heißt der Berg, auf dem Jesus seinen Jüngern in einem anderen Licht erschien – wo bereits etwas von der Zeit nach Ostern durchschimmert) ist genau diese Konsequenz oft untergegangen. Jede und jeder von uns, die schon einmal Berg-Erfahrungen gemacht haben – also etwas so Großartiges erlebt haben, dass die Seele so davon angetan war, dass man den Augenblick am liebsten festhalten möchte – die alle wissen aber auch, dass man eben wieder ganz schnell von den Niederungen des Alltags eingeholt wird bzw. in diese Niederungen wieder hinabsteigen muss. Ganz so, wie wenn Sie von den Tagen hier auf Teneriffa so begeistert sind, dass Sie eigentlich gar nicht mehr nach Hause möchten. Sie wissen aber: Es muss sein! Dieses Wissen und dieser Erfahrungshintergrund lässt Jesus zu seinen Jüngern sagen: Redet ja nicht groß darüber, was wir hier miteinander erfahren haben. Ihr könntet sonst dieses Aufblitzen des Reiches Gottes ganz falsch verstehen.

Nun lassen sich für das Reich Gottes ja viele Bilder finden – Bilder von Frieden und Erfüllung, von Heimat und Glück. Das Leid gehört nicht dazu, obwohl Jesus schon am Fuß des Berges von dem Leiden spricht, welches er noch erfahren wird. Offensichtlich gehört es für ihn so zum menschlichen Leben dazu, dass er es einfach ganz konsequent auch in Betracht zieht. Das Leid im menschlichen Leben, das ist quasi so real, wie die Sehnsucht des Menschen nach „Himmel“, sprich nach Wohlergehen, Freude und „Leben in Fülle.“

Wir alle kennen doch den Begriff der „Sisyphusarbeit“. Der Hintergrund dafür ist der Mythos jenes Halbgottes, der sich gegen die anderen Götter auflehnte und deshalb dazu verurteilt wurde, einen gewaltigen Felsbrocken auf einen Berg zu rollen. Fast oben angekommen – quasi im letzten Augenblick, bevor die Arbeit geschafft ist – rollt der Stein wieder donnernd zu Tale und die Arbeit beginnt von Neuem. Im Mythos ist die Lage des Sisyphos aussichts- und vor allem hoffnungslos. In der Botschaft Jesu aber kommt ein ganz anderer Zug hervor: Das Leid, selbst die scheinbare Sinnlosigkeit, bekommen ihre Bedeutung, wenn sie uns voll bewusst werden.

Sisyphos hätte die sinnlose Arbeit nur zu seiner eigenen Arbeit machen müssen, dann hätte er nicht mehr unter dem Fluch der Götter gestanden. Er wäre frei. Und so öffnet sich für uns der Weg der Befreiung immer dann, wenn wir die Probleme bis hin zum Leid annehmen. So sagte Albert Camus, der „gläubige Gottlose“: „Die niederschmetternden Wahrheiten verlieren an Gewicht, sobald sie erkannt werden.“

So gehört es zum Kern der Botschaft Jesu eben auch, anzuerkennen, dass wir nicht allmächtig sind. Dass es viele Dinge in unserem Leben gibt, die wir nicht im Griff haben – angefangen von unseren menschlichen Schwächen bis hin zu unserem unaufhaltsamen Altern. Auch wenn das Probleme sind, denen wir

lieber aus dem Weg gehen möchten; wir werden aber doch erst wirklich frei, wenn wir sie ehrlich annehmen. Für mich heißt das: Wenn der Felsbrocken zur persönlichen Aufgabe des Sisyphos wird, kommt für den gequälten Menschen eine verschwiegene Freude auf. „Sich–Bewusst-Werden“ verwandelt, lehrt uns Jesus: Solange wir nur damit beschäftigt sind, gegen unsere menschlichen Schwächen oder das Leid anzukämpfen, so lange können wir es auch nicht klar und eindeutig genug anschauen. 

Jesus sagt nach dem Tabor-Ereignis klar und eindeutig: Ich gehe nach Jerusalem, in den Tod. Er sieht mit aller Klarheit, was kommt. Sehen macht also ganz. Deswegen ist auch schon das Aussprechen eines Problems oft wichtiger als seine Lösung. Denken wir jetzt mal gar nicht so sehr an schlimme Leiderfahrungen, sondern einfach nur an unsere Schwächen. Jede und jeder von uns hat sie. Aber was tun wir damit? Wir verstecken sie vor den anderen, aber auch vor uns selbst. Damit aber bleiben sie eine Last, an der wir ähnlich zu tragen haben, wie Sisyphos. Also wäre

es doch sinnvoller, unsere Schwach­heit zu unserer Sache zu machen – dann könnten wir heil und ganz werden. Übrigens ist das kein spiritueller Trick, sondern eine Erkenntnis, die uns Jesus selbst vermittelt. Denn wer das Kreuz als Symbol des Leidens annimmt, der trägt es zugleich als ein Zeichen endgültiger Erlösung vor sich her und hilft damit auch zur Befreiung anderer.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder www.wochenblatt.es




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