Titel – Mittel der Macht?


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Als in der Woche des Papstbesuches die vielen Liveübertragungen im Fernsehen verfolgt werden konnten, da war auch auffällig, wie häufig zum entsprechenden Namen einer Person auch deren Titel genannt wurde. In einer Einspielung zeigte sich denn auch eine junge Christin verwundert darüber, dass in der Kirche so viele Titel und Orden vergeben werden.

Mit dem Willen und der Praxis Jesu brachte sie das jedenfalls nicht zusammen. Der hatte doch gesagt: „Ihr aber sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn nur einer ist euer Meister, ihr alle aber seid Brüder (ich würde heute lieber sagen: Geschwister). Auch sollt ihr niemanden auf Erden euren Vater nennen; denn nur einer ist euer Vater, der im Himmel. Auch sollt ihr euch nicht Lehrer nennen lassen; denn nur einer ist euer Lehrer, Christus.“ (Mt 23, 8-10)

Für uns Menschen ist es nun nicht nur wichtig, andere einordnen zu können, nein – es ist uns auch nicht unwichtig, für wen oder was uns andere halten. Jesus stellt schließlich die gleiche Frage an all die Frauen und Männer, die ihn begleiteten: „Ihr aber, für wen haltet ihr mich?“ Ist er nun der Messias, der Sohn Gottes, wie Petrus es bekennt und die Kirche von ihm lehrt? War Jesus ein sterblicher Mensch, wie wir alle, wenn auch vielleicht besonders begabt? Schließen sich die beiden Antworten aus? 

Bei all dem sollten wir nicht übersehen, dass Jesus jegliche Titel abgelehnt hat. Die einzige Bezeichnung, die er nicht zurückweist, ist „Arzt“. Deshalb glaube ich auch, dass sich der Mann aus Nazareth unter den Eminenzen und Exzellenzen, den Prälaten, Monsignori und Geistlichen Räten ganz schön fremd vorkommen würde. Sicherlich: Wir wissen, dass diese kirchlichen Titel auf der einen Seite die Heraushebung aus der Masse der üblichen Christen bedeutet. Aber auf der anderen Seite schnürt doch genau das ein ganzes Bündel an Neid zusammen bei all denen, die „nichts geworden“ sind. Also sind Titel doch ein Machtmittel, sich über andere zu erheben.

Jesus aber stellt das ewige Bestreben der Menschen, etwas zu bedeuten, auf den Kopf: „Wer sein Leben retten will, wird es verlieren. Wer aber sein Leben … verliert, wird es retten.“ Das heißt doch aber auch: Wer neurotisch darum besorgt ist, ja von den Obrigkeiten nicht übersehen zu werden; wer etwas gelten will, der lebt nicht wirklich. Der wird gelebt – und zwar von all denen, die auf ihn Einfluss nehmen und die ihn dorthin lenken können, wohin sie ihn haben wollen. Wer nichts werden will, der aber ist frei. Ich weiß, es klingt paradox: Aber wer es fertig gebracht hat, auf seiner ganz persönlichen Stufenleiter einen Endpunkt zu setzen, hat gewonnen. Nicht nur seelischen Frieden und Selbstsicherheit, sondern vor allem das Leben, das von keiner Sucht mehr abhängig ist. Denn auch die Titelsucht führt in die Abhängigkeit und schreit nach immer mehr.

Warum aber stellt jetzt Jesus doch diese Frage an seine Freundinnen und Freunde – und auch an uns: „Für wen haltet ihr mich?“ Wer sich einmal ein Bild von ihm gemacht hat, steht wohl immer in der Versuchung, ihn in den Dienst der Vorurteile oder auch der eigenen Überzeugungen zu nehmen. Da Jesus aber wusste, dass Titel und Anreden einengen oder Menschen auf falsche Gedankengleise bringen können, hat er genau auf all dies verzichtet. Wenn er trotzdem diese Frage stellt, dann nur damit seine Zuhörer selber zu einer erlösenden Erkenntnis kommen können. Die Antwort, die er erwartet, ist nämlich nicht festgelegt, wie etwa bei der Frage, wie lang ein bestimmter Fluss ist oder wie hoch ein bestimmter Berg. Die richtige oder falsche Antwort darauf wird ja unser Leben kaum verändern. Aber anders ist es, wenn ich für mich ganz persönlich die Frage beantworten soll: Für wen hältst Du mich? Diese Antwort hat lebenslange Konsequenzen.

Jesus, und das ist auffällig, hat nicht gefragt: Wer bin ich?“, sondern: „Für wen haltet ihr mich?“ Einen Menschen zu fragen, für wen er einen wirklich hält, ist aber so etwas wie eine Liebeserklärung. Es ist eine sehr intime Frage, die nicht an die große Glocke gehängt werden kann. Deshalb habe ich auch, das sage ich ehrlich, meine Schwierigkeiten mit Menschen, die ihren Glauben aggressiv vor sich hertragen und in der gleichen Aufdringlichkeit von anderen einfordern. Genauso habe ich aber auch Schwierigkeiten mit Menschen, die ihren Titel vor sich her tragen, nur um ihre Bedeutung herauszustellen.

Jesus weiß, wer er ist, woher er kommt und wohin er geht. Er folgt diesem inneren Wissen in aller Nüchternheit bis in die letzte Konsequenz. Die Titelsüchtigen und Machthungrigen werden vermutlich keine andere Antwort auf die Frage Jesu finden, als wieder nur Titel und Bezeichnungen: Gottes Sohn, Herr, König usw. Solche Antworten können aber in einen religiösen Fundamentalismus führen, weil sie mit Festlegungen verbunden sind, die vielleicht zu wenig Raum für eine persönliche Antwort lassen. Dabei liegt doch der religiöse Fortschritt genau darin, seine ganz persönliche Antwort auf die Frage Jesu zu finden und daraus jene Konsequenzen zu ziehen, die das Leben – die mein Leben – tragen. 

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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