Täglicher Tod


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Zwischen Leben und Tod ist unser Leben gespannt. Das Christentum, so behaupten es immer wieder Kritiker (und ich meine, da ist mitunter etwas Wahres dran), konzentriere sich dabei weniger auf das Leben, sondern lege die Akzente eher auf das Leiden, auf den Tod oder zumindest auf jenes Leben, welches nach dem Tod kommt.

Genau das aber – so fahren diese Kritiker dann fort – mache es den Christen so unsagbar schwer, das Leben in seiner ganzen Fülle zu genießen, es wirklich auszukosten. Und wenn sie es denn tun, dann eben i.a.R. mit einem schlechten Gewissen.

Wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben: Im Namen des Christentums sind wirklich schon viele Ängste verbreitet worden. Da wurden glückliche Leute unglücklich gemacht, damit man sich anschließend seelsorgerlich um sie kümmern und ihnen fürsorglich zur Seite stehen konnte. Das ist die eine Seite. Aber andererseits – und das muss man eben auch zur Kenntnis nehmen – lasten diese Fragen um das Leiden, den Tod und all das, was wohl danach kommt oder kommen soll zeitlos auf allen Menschen. Wohl auch deshalb, weil wir Menschen – vermutlich im Gegensatz zu allen anderen Geschöpfen – eben sehr wohl wissen, dass wir sterben müssen. Um die Tage Allerheiligen und Allerseelen herum wird uns das vielleicht eindringlicher als sonst bewusst, selbst wenn wir diese Tage hier auf Teneriffa verbringen und die Gräber unserer Angehörigen und Freunde sich wo anders befinden. Aber diese Tage rufen in uns doch eher die gedankliche Auseinandersetzung mit dem Ende des Lebens – auch des eigenen Lebens hervor.

Dabei verkennen wir, dass wir durchaus schon einige Tode hinter uns haben. Ich meine damit jetzt gar nicht so sehr die Begleitung eines Sterbenden, bis er über die Schwelle des Todes gehen konnte. Nein, ich denke die meisten von uns haben doch bereits den Tod der Jugend hinter sich; den Tod so mancher Hoffnungen und Träume, den Tod bestimmter Vorstellungen von Gott und der Kirche, vielleicht sogar den Tod der großen Liebe. Täglich sterben wir irgendeinen Tod, um jeden Tag auch aufs Neue, ein anderes Leben zu erhalten.

Mit dem „Tod der Jugend“ möchte ich mich gerne an das Geheimnis dessen herantasten, was wir „Auferstehung von den Toten“ nennen und was, wenn man Umfragen glauben will, immer von weniger Menschen geglaubt wird. Für einen Sechzigjährigen ist doch die Jugend gestorben – oder nicht? Sicherlich, das mag man vielleicht nicht wahrhaben und man sträubt sich vehement dagegen, die eigene Jugend loszulassen. Nur: Es wird ihnen nicht gelingen. Andererseits bin ich der festen Überzeugung, dass der, der seine Jugend offiziell betrauert, so wie man den Tod eines lieben Verstorbenen betrauert, dass der- oder diejenige als Geschenk ein neues, ein anderes Leben erhält. Wenn ich auf diese Art und Weise zurückschaue, dann merke ich selbst doch bereits, dass ich heute ein tieferes und reiferes Leben genießen darf, als dies vor 10 oder 20 Jahren der Fall war. So aber bin ich doch auf eine neue Art lebendig geworden. 

Ich denke schon, dass wer dieses Loslassen nicht praktiziert, vom eigenen Alter frustriert wird. Dann löst jedes neue Lebensjahrzehnt oder sogar jedes neue Jahr eine Art Panik aus, die wiederum Sorge dafür trägt, dass der Mensch noch ängstlicher und damit noch unglücklicher wird. Wer aber dankbar zurückblicken und sagen kann: Es war gut, 20, 30 oder 40 zu sein, der kann doch auch getrost fortfahren und sagen: Es ist aber auch schön 50, 60 oder 70 zu sein. Sowohl die glücklichsten als auch die unglücklichsten Menschen sind 70 Jahre alt. Der Unterschied besteht schlicht und ergreifend darin, ob jemand die Zeit als ein Geschenk und als eine Herausforderung annimmt oder sie eben nur als Last sieht und als einen Verlauf, der einen täglich dem Tod etwas näher bringt.

Und wo bleibt jetzt das spezifisch Christliche? Für mich besteht es im Vertrauen, dass Gott, der das Leben schenkt, es auch in einer tieferen Weise geben wird. Wie sich schon jetzt, das Leben wandelt und weiter entwickelt wenn wir es nur zulassen, so wird sich an uns auch einmal die große Wandlung vollziehen, wenn der Tod uns eine ganz entscheidende Stufe höher bringt. Dieses Weiter und dieses Reifen ist aber nur möglich, wenn wir weder festhalten, noch uns festhalten lassen. Und das ist nur den Menschen möglich, die von ihrer Vergangenheit nicht wie eine drückende Last auf Schritt und Tritt begleitet werden. Wer loslassen will, der muss seinen Frieden gefunden haben – mit den Menschen und den Dingen, die in seinem Leben wichtig waren. Daran wollen uns Allerheiligen und Allerseelen erinnern. Denn mit jedem Jahr wird der Bogen des Kreises derer, die drüben sind, größer und der auf unserer Seite kleiner. Denken wir daran – nicht in Angst und Schrecken, sondern mit Zuversicht und einer gehörigen Portion Gottvertrauen!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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