Stärkster Flüchtlingsstrom im September


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Das bislang größte Cayuco brachte am 30. September 230 Flüchtlinge nach Teneriffa

September hat sich als der Monat mit dem stärksten Flüchtlingsstrom aus Westafrika bestätigt. Bis 24. September hatten bereits mehr als 1.700 Afrikaner auf dem Seeweg die Kanarischen Inseln erreicht. Auch in den folgenden Tagen trafen immer neue Flüchtlingsboote an der kanarischen Küs­te ein. Am 30. September erreichte schließlich das bislang größte Cayuco die Inseln. An Bord des 30 Meter langen Bootes waren 230 Immigranten, 25 davon sind vermutlich minderjährig.

Nie zuvor waren mehr Flüchtlinge in einem einzigen Cayuco an Spaniens Küste eingetroffen. Das Boot war in der Nacht rund 55 Meilen vor Gran Canaria entdeckt worden und wurde daraufhin vom  Seenotrettungskreuzer María Zambrano in den Hafen von Los Cristianos geschleppt, wo sich Helfer des Roten Kreuzes um die völlig erschöpften und unterkühlten Menschen kümmerten. Drei Personen mussten zur Behandlung in eine Klinik eingeliefert werden.

Laut Daten der Regierung sind seit Anfang 2008 bereits 160 Flüchtlingsboote an Spaniens Küste eingetroffen. Allein auf den besonders betroffenen Kanarischen Inseln wurden seit Januar laut Angaben der europäischen Grenzschutz­agentur Frontex 6.878 Immigranten gezählt. Mindes­tens 2.200 davon kamen im letzten Monat – allein in der letzten Septemberwoche kamen über 600 Flüchtlinge an.

Die Zahlen ziehen die Effektivität der Aktionen von Frontex immer mehr in Zweifel. Während von stärkeren Kontrollen der Gewässer, Rückführungsabkommen und einer engeren Zusammenarbeit mit den Herkunftsstaaten der Flüchtlinge gesprochen wird, treffen wie zum Hohn immer mehr Boote ein.

Kanarische Regierung hat die Vormundschaft für 1.400 Minderjährige übernommen

Besonders dramatisch ist der Anstieg der Zahl minderjähriger Immigranten, Kinder, die ohne Begleitung eines Erwachsenen die Fahrt unternehmen – im Laufe dieses Jahres kamen bereits über 500 an. Die Heime, in denen diese Kinder und Jugendlichen untergebracht und von der kanarischen Regierung versorgt werden, sind längst überfüllt. Wie die kanarische Ministerin für sozialen Wohlstand kürzlich mitteilte, sind in diesen Wohnheimen mittlerweile über 1.400 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre untergebracht. Die Regionalregierung ist für die Unterbringung, Erziehung und Versorgung dieser Kinderflüchtlinge zuständig.

Das Phänomen der minderjährigen Immigranten begann auf den Kanaren 1994. Die wenigen Kinder und Jugendlichen, die damals alleine bzw. nicht in Begleitung eines erwachsenen Familienangehörigen auf den Inseln eintrafen, wurden in den Heimen aufgenommen, die von den Cabildos verwaltet werden. Zwischen den Jahren 2000 und 2005 kamen im Schnitt 250 bis 315 Kinder pro Jahr an, die noch relativ problemlos in diesen Stätten untergebracht werden konnten. Heute kommen jährlich über 700 Kinderflüchtlinge an.

Anfang des Jahres 2006 wurde erstmals deutlich, dass immer mehr Kinder in den Flüchtlingsbooten aus Afrika ankommen, viele davon nicht älter als neun Jahre. Nach harten Auseinandersetzungen zwischen Cabildos und Regionalregierung musste diese schließlich zugeben, dass das Phänomen der illegalen Zuwanderung eine neue Dimension erlangt hatte.

Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten (weder Gemeinden noch Anwohner reißen sich darum, ein Wohnheim für Minderjährige in ihrer Umgebung zu haben) eröffnete die kanarische Regierung das ers­te Wohnheim für die Unterbringung minderjähriger Flüchtlinge mit 80 Betten. Heute gibt es auf den Inseln sechs Wohnheime dieser Art, in denen knapp 900 Kinderflüchtlinge leben und lernen. Hinzu kommen die Heime, die von den Cabildos verwaltet werden.

Die kanarische Regierung beharrt darauf, dass sie in dieser Angelegenheit überfordert ist und legt ein Limit von 500 Kindern fest. Gespräche zwischen Regional- und Zentralregierung sollen in nächster Zeit über die Verlegung von minderjährigen Immigranten in Heime auf dem spanischen Festland entscheiden.

Nach der derzeit in Spanien gültigen Gesetzeslage dürfen minderjährige Immigranten, die illegal und ohne eine erwachsene Begleitperson eingewandert sind, nur in ihre Heimat zurückgeschickt werden, wenn als bewiesen gilt, dass sie dort auch betreut werden. Im Klartext bedeutet das, ihre Familienangehörigen ausfindig machen zu müssen, was häufig schlichtweg unmöglich ist.




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