Sportler und Glaube


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

In diesen Tagen ist es also so weit. Im russischen Sotschi werden die XXII. Olympischen Winterspiele eröffnet und durchgeführt. Die Sportlerinnen und Sportler trainieren seit Monaten auf exakt diesen Zeitraum hin im Bewusstsein, wer erst kurz zuvor mit dem Training beginnt, der hat keine Chance auf irgendeine Platzierung, geschweige denn auf eine Medaille.

Genau das aber ist ja das Ziel – und genau deshalb nehmen Menschen diese Strapazen eines intensiven Trainings auch auf sich.

Nun ist uns allen klar, dass Sportlerinnen und Sportler immer für Wettkämpfe trainieren, denn ohne Übung und ohne Training geht nun mal nichts. Wer das hochgesteckte Ziel erreichen will, der muss üben, üben, und nochmals üben. Und genau das, scheint mir beim Glauben genauso der Fall zu sein. Den muss man meines Erachtens auch üben. Gewissermaßen trainieren, damit er belastbar wird und bleibt und damit man sich auf ihn verlassen kann. Wie ich darauf komme? Nun, das sind Gedanken, die ich mir vom Apostel Paulus angeeignet habe. Der sagt nämlich auch: Genau, so ist es! Man kann den Glauben tatsächlich einüben. Aber es gilt bei ihm eben wie im Sport: Ohne Training geht einem schnell die Puste aus. Deshalb vergleicht Paulus auch das Leben mit einem Langstrecken-, einem Marathonlauf. Sie können das gerne nachlesen in dem Brief, den er den ersten Christen in Korinth geschrieben hat. Da heißt es unter anderem: Wer eine so lange Strecke durchhalten und wer schließlich am Ende auch am Ziel ankommen will, der muss üben, sonst wird das nichts.

Nun kann man den Glauben natürlich nicht einfach machen, dessen bin ich mir durchaus bewusst. Der Glaube fängt in uns immer dann an, wenn der Geist Gottes uns dazu in Bewegung bringt – durch Menschen oder auch durch bestimmte Ereignisse in unserem Leben. Selbstverständlich gibt es da nun Menschen, da ist dieser Glaube von Kindheit an präsent und möchte vertieft und gelebt werden; bei anderen aber tritt er oft erst zutage, wenn Ereignisse im Leben einen nach einem tieferen Sinn fragen lassen… Aber wenn der Glaube erst geweckt ist, dann bleibt es jeden Tag eine neue Herausforderung ihn zu leben. Jeden Tag das Vertrauen zu finden, dass es Gott gut mit mir meint, dass er da ist und mich nie im Stich lässt. Wie schnell sind wir dabei, Gott inmitten der Aufgaben und Anforderungen unseres Alltags zu vergessen, ihn links liegen zu lassen, weil so vieles andere uns wichtiger und dringlicher erscheint. Deshalb suche ich nach Möglichkeiten, mich immer wieder neu in den Glauben einzuüben. Und da hilft mir das Beten.

Beten ist nämlich menschlich. Das klingt banal, sicherlich. Aber es ist gut, sich bewusst zu machen, dass der Grund des Betens in der menschlichen Existenz liegt. Die Erfahrungen, die wir machen, unsere Sehnsucht, unser Schmerz, unsere Freude, unsere Hilfsbedürftigkeit, unser ganzes Leben sucht nach einer Deutung und Antwort, die nicht in uns selbst liegt. Wir müssen uns irgendwo verankern – warum nicht in Gott? Wie sagte Dionys der Syrer: „Menschen, die beten, sind wie Männer auf einem Schiff. Sie haben dieses am Ufer mit einem Seil festgemacht. Und jetzt ziehen sie alle nach Kräften an diesem Seil. Das Ufer bewegt sich nicht, wohl aber das Schiff. Es nähert sich dem rettenden Ufer.“ Beten ist für mich: Sich Festmachen in Gott mit all meiner Liebe, meinem Jubel, meiner Freude und meinem Klagen.

Dann ist Beten durchaus auch subversiv. Klingt eigenartig, ich weiß, weil wir es eben auch gewohnt sind, Aktion und Kontemplation, Kampf und Gebet als Gegensätze zu sehen. Aber mit dem Beten beginnt bereits eine neue Einstellung zur Wirklichkeit, eine Rebellion gegen alle eingefahrenen Denk- und Verhaltensmuster. Das Dankgebet wehrt sich zum Beispiel gegen eine Mentalität, in der nur der etwas empfängt, wer vorher etwas leistet oder dafür auch bezahlt. Es ist vielmehr Ausdruck für das Gespür, dass das meiste in unserem Leben unverdient und einfach ein Geschenk Gottes ist. Und die Klage vor Gott, das Bittgebet, das ist eine Weigerung, sich mit dem Vorläufigen, dem Ungerechten abzufinden. Es ist ein Aufstand gegen Not und Unheil in unserem Leben, ein Streit mit Gott, der unsere Fragen oft nicht beantwortet. Ja, Beten lehnt sich auf gegen das Unbegreifliche.

Dann ist Beten umwerfend. Klingt paradox, aber wenn wir Gott um etwas bitten, dann wollen wir ihn ja umdrehen, sein Verhalten uns gegenüber verändern – und nicht uns selbst. In Wirklichkeit aber dreht das Gebet uns selbst um. Bitten entkrampft und verhindert, dass sich unsere Not ins Unermessliche auswächst. Sicherlich: Auch wenn äußerlich nichts passiert: Im Beten mit Gott wächst das Vertrauen, dass er nahe ist. Und Hand aufs Herz: Auch Danken dreht uns um; denn es verändert unsere Perspektive; es hilft nicht nur schwarz zu sehen, sondern dass es auch das Helle in unserem Leben gibt.

Und ein letzter Gedanke: Beten ist mühsam und auch mitunter anstrengend. Klingt wie eine Binsenweisheit, ist mir aber oft Trost für die Phasen, in denen mir das Gespräch mit Gott nicht so gelingt. Gott ist verborgen, er zeigt sich mir nicht – das ist die Grundnot des Betens, auch wenn ich weiß, dass ich ihm in anderen Menschen begegnen kann. Aber dieser Tatsache, dass mit ihm kein Gespräch von Angesicht zu Angesicht möglich ist, muss ich mir bewusst sein. Deshalb ist es wichtig, dass ich mein Bild von ihm, was er für mich ist, immer wieder überdenke.

Spüren Sie, wie wichtig das Training ist? Jeden Tag… Und wenn Sie ungern alleine üben, dann kommen Sie doch einfach mal wieder zum Gottesdienst. Mit anderen gemeinsam macht es mehr Spaß – das ist wie beim Sport…

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger




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