„Solange die Bevölkerung glaubt, dass ihr Müll wie durch Zauberei verschwindet, wird sich nichts ändern!”


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Das Gebot der Stunde: Müll vermeiden

Noch in diesem Jahr soll der neue Müllentsorgungsplan PTEO der Insel in Kraft treten, so kündigt der Umweltbeauftragte Wladimiro Rodríguez Brito an. „Wir sind schon sehr weit in der Planung”, so seine hoffnungsträchtige Aussage. Sämtliche Inselgemeinden vertreten inzwischen die Meinung, dass die Last des Müllbergs nicht allein auf Arico entfallen kann, wo seinerzeit die zentrale Müllkippe der Insel angelegt wurde.

Denn die ist bereits – Jahre vor dem einst angedachten Termin – fast am Ende ihrer Kapazität. Anfang der 80 Jahre eingerichtet und damals auf 30 Jahre vorausberechnet, war die Anlage Arico bereits 1997 am Ende ihrer Kapazität – 15 Jahre vor der Zeit. Zu diesem Zeitpunkt schon wurde notgedrungen die Erweiterung der Anlage in Angriff genommen.

Hier ist dann auch weitaus größeres Augenmerk auf Mülltrennung und Recycling gerichtet worden, so dass Arico heute über ein modernes Mülltrennsystem verfügt, das unter anderem speziell in Sachen Kompostierung des feuchten Haushaltsmülls sehr erfolgreich arbeitet und hochwertigen Humus erzeugt, der bei den Bauern reißenden Absatz findet. Auch die Recyclinganlage für Bauschutt stellt einen Erfolgspunkt im Inselregierungsprogramm zur Müllverminderung dar. Trotzdem wächst der Müllberg unaufhaltsam.

Mehr statt weniger Müll

Tatsächlich scheinen die unter dem Motto „Müll vermeiden” stehenden Aufklärungskampagnen des Cabildos nicht viel zu fruchten. Innerhalb von 10 Jahren ist beispielsweise nach Statistiken in Adeje das Müllvolumen von 17.000 auf 50.000 Tonnen gestiegen, in Arona von 31.000 auf 76.000 Tonnen. Auch im weniger touristischen Norden der Insel wird heute doppelt soviel Müll wie noch vor wenigen Jahren erzeugt. Im Schnitt, so das Umweltamt der Insel, müssen auf Teneriffa heute  pro Kopf und Tag zwei Kilo Müll – 22% mehr als auf dem spanischen Festland – entsorgt werden. Im vergangenen Jahr waren das nach Angaben von Wladimiro Rodríguez Brito auf allen Kanareninseln zusammen 4.000 Tonnen. Die Umweltschutzorganisation Ben Magec moniert dann auch „die absolute Verschwendungssucht, die auf den Kanaren gelebt wird” und dass „der Müllberg durch den Tourismus noch enorm vergrößert wird”.

Die Müllverwertungsanlage in Arico kann ein derartiges Volumen nicht schlucken, darüber sind sich alle Gemeinden einig. Wer sich an die endlosen Debatten Ende der 70er Jahre erinnert, als verzweifelt im Zuge der – auch damals schon vorzeitigen – Schließung der damaligen Anlage bei La Laguna nach einem Standort für die neue große Insel-Deponie gesucht wurde, der weiß, wie hitzig jede Gemeinde das Ansinnen weit von sich gewiesen hat, den Müll bei sich aufzunehmen. Über Arico wurde damals ein Machtwort gesprochen, wobei sich der Pirs inzwischen als recht gute Einnahmequelle für die Gemeinde entwickelt hat. Vielleicht liegt es auch mit daran, dass die übrigen Inselgemeinden sich aufgeschlossener als damals dem Thema Müllentsorgung stellen. Ebenso mag auch eine Rolle spielen, dass man sich inzwischen an die in Buenavista, Adeje, Arona, Güímar, Taco und Jagua entstandenen Wertstoffsammelzentren, die „Puntos Limpios” gewöhnt hat, in denen auch Sondermüll kostenlos entsorgt werden kann.

Konkret für den neuen Müllentsorgungsplan der Insel in der Planung sind bereits Entlastungsanlagen im Gemeindegebiet von Icod und in Buenavista in der Nähe der Montaña de Taco. Bauschuttrecycling soll künftig auch in La Guancha und in den Bergen von Garachico stattfinden. Im Orotavatal wird noch nach einem geeigneten Gelände für eine Anlage gesucht. Ein weiterer Standort ist in La Matanza oder Tacoronte geplant. Arona im Süden der Insel hat bereits ein konkretes Angebot gemacht, weitere Gelände werden in Adeje, Santiago del Teide und Guía de Isora gesucht.

Keinen Zweifel lässt Wladimiro Rodríguez an dem, was unbestritten das Gebot der Stunde ist: „Wir müssen der Inselbevölkerung bewusst machen, wie wichtig es ist, Müll zu vermeiden. Und so viel Müll wie möglich dem Recycling zuzuführen.” Damit geht Ben Magec-Sprecher Antonio Rodríguez konform: „Wir haben die ländliche Kultur verloren, in der jedes Ding seinen Wert hatte und alles wiederverwertet wurde.”

Nach seinen Angaben werden auf den Kanaren nur 6, allerhöchstens 7% des Abfalls recycelt. Damit stehen die Inseln auch nach Auskunft von Greenpeace spanienweit an vorletzter Stelle. Das Kontrastprogramm wird in den nordeuropäischen Ländern gefahren, wo über 70% recycelt werden. Die Inselregierung hat sich jedoch zum Ziel gesetzt, innerhalb der nächsten 10 Jahre eine Recyclingquote von 50 oder gar 60% zu erreichen. Der Rest soll größtenteils in einer modernen Anlage verbrannt werden.

Ben Magec wiederum sträubt sich gegen die Müllverbrennung: „Besser wäre es, Abfallreduzierung zu betreiben und von Einwegverpackungen abzusehen. Das Wichtigste ist jedoch die Erziehung der Bevölkerung. Solange die Leute der Meinung sind, dass der Müll wie durch Zauberei verschwindet, nachdem sie ihren Beutel in den Container gesteckt haben, wird sich überhaupt nichts ändern. Erst wenn sie begreifen, was ihre Abfälle anrichten, werden sie anfangen umzudenken.”

(*) „Puntos Limpios“ auf Teneriffa: Barranco de Jagua, Santa Cruz; Ctra. La Cuesta-Taco, La Laguna; Industriegebiet, Güímar; Malpaso-Buzanada,  Arona; Kreuzung La Atalaya, Adeje; Ctra. Buenavista-Palmar, Buenavista del Norte.




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