Sieben Todesfälle rücken Obdachlosigkeit in den Fokus


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Amnesty International klagte an, dass es nur ein einziges Obdachlosenheim in der Provinz Santa Cruz de Tenerife gibt

Im April und Mai starben auf Teneriffas Straßen sieben Obdachlose, davon sechs in Santa Cruz. Das Wochenblatt berichtete bereits in der Ausgabe vom 11. Mai über fünf Todesfälle zwischen dem 1. April und dem 6. Mai. Seitdem sind noch zwei weitere Menschen einsam unter freiem Himmel gestorben.

Am Morgen des 16. Mai wurde der Leichnam des dänischen Obdachlosen F.E.H. in der Nähe des Busbahnhofs gefunden. Erste Anzeichen wiesen darauf hin, dass der 78-Jährige an den Folgen einer schweren Krankheit gestorben war.

Nur zwölf Tage später entdeckten Polizisten den Leichnam von J.L.M. hinter der Sporthalle Pancho Camurria. Scheinbar hatte der aus Córdoba stammende 59-Jährige einen Herzinfarkt erlitten.

Verschiedene Gerichte versuchen derzeit, mit Hilfe des Toxikologischen Instituts die Ursachen für den Tod der Obdachlosen zu erforschen und eine mögliche Verbindung aufzudecken.

Harte Kritik

Infolge der neuen Todesfälle klagte die uneigennützige Plattform für die Würde der Obdachlosen erneut das Fehlen von finanziellen Mitteln und politischem Willen an. Die Organisation führte an, dass Inhaftierte Dach, Essen, medizinische Versorgung, Fortbildung und Sozialleistungen bekämen, während es für Obdachlose weder Resozialisierungspläne noch Wiedereingliederungsprojekte gäbe.

Auf einer Pressekonferenz der Plattform am 3. Juni gaben deren Vertreter Eloy Cuadra, Sonia Pérez und Tomás Hernández bekannt, dass die Organisation Anzeige wegen unterlassener Hilfeleistung gegen die zuständigen Behörden bei der spanischen Generalstaatsanwaltschaft gestellt habe. Neben den sieben bekannten Todesfällen sei noch ein weiterer Obdachloser auf der Straße verstorben. Nach Meinung der Plattform bestehe eine Verbindung zwischen all diesen Todesfällen: das Fehlen von finanziellen, materiellen und sozialen Mitteln seitens der Verwaltung sowie der mangelnde Wille, sich um die Obdachlosen zu kümmern und sich ihrer anzunehmen.

Auch Amnesty International (AI) prangerte in ihrem am 17. Mai veröffentlichten Jahresbericht die Situation der auf den kanarischen Straßen lebenden Obdachlosen an. Laut AI fehle es an Obdachlosenheimen und konkreten sozialen Mitteln. Kepa Ganchegui, Sprecher von AI, äußerte, in der gesamten Provinz Santa Cruz de Tenerife [Teneriffa, La Palma, El Hierro, La Gomera] gäbe es nur ein einziges Obdachlosenheim, dessen Dienste den Hilfesuchenden zudem nur zeitlich eingeschränkt zur Verfügung ständen. Die sich für die Menschenrechte einsetzende Organisation forderte mehr Herbergen, Zuwendung, finanzielle Mittel und eine bessere Ausbildung des Personals.

Auch wies AI darauf hin, dass immer schon viele Obdachlose auf der Straße gestorben seien, aber jetzt das Thema von der Öffentlichkeit aufgegriffen würde.

Dem schloss sich ein Obdachloser in einem Interview mit einer hiesigen Zeitung an und erklärte, es habe immer Tote gegeben. Ihn wundere nur, dass jetzt groß darüber berichtet würde.

Das Sozialamt (IMAS) dagegen führte an, ein Teil der Obdachlosen lehne die Hilfe des mobilen Sozialtrupps (UMA) ab, reagiere sogar manchmal aggressiv.

Ignacio González Santiago, Stadtrat für Sozialangelegenheiten in Santa Cruz, erklärte, pro Jahr würden durchschnittlich zwischen zwei und drei Obdachlose auf den Straßen sterben.

Hilfe in der Not

Derweil wird das Obdachlosenheim in Santa Cruz erweitert und soll Ende Juli der doppelten Anzahl von hilfesuchenden Menschen zu Verfügung stehen.

Die einzige weitere Anlaufstelle bietet das Caritas-Projekt „Café y Calor“ („Kaffee und Wärme“). Hier können bis zu 25 Obdachlose – aufgenommen werden nur Männer – eine Nacht in einem Bett verbringen. Sie können sich waschen und bekommen ein Abendessen. Am Morgen allerdings müssen sie wieder auf die Straße zurückkehren, in der Hoffnung, am Abend wieder eines der Betten zu ergattern.

Die Plattform für die Würde der Obdachlosen kümmert sich in erster Linie darum, den auf der Straße lebenden Menschen einen Namen zu geben und bei den Behörden um ein besseres Leben für sie zu kämpfen. So gehen Mitglieder der Organisation auf die Menschen zu und nehmen ihre Namen und ärgsten Bedürfnisse in einem Formular auf. Dieses wird dem Sozialamt (IMAS) übergeben, damit die Obdachlosen erfasst werden und die Behörde ihnen konkrete Hilfe leisten kann.

Erschreckende Zahlen

Auf der Pressekonferenz der Plattform am 3. Juni legte Eloy Cuadra Zahlen von Caritas vor, nach denen allein in Santa Cruz ca. 200 Menschen auf der Straße leben. Laut Sonia Pérez befänden sich 27% der kanarischen Bevölkerung in einer armutsähnlichen Situation, 12% lebten in extremer Armut.




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