Sichtweise für eine österliche Kirche


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

In diesen Stunden, in denen ich u.a. diese Kolumne für die Ausgabe des Wochenblatts verfasse, richten sich die Augen vieler Christen, nicht nur der Katholiken, nach Rom. Der neue Papst ist gewählt – ein Mann, den kaum jemand mehr auf dem Zettel hatte, obwohl er – wie man aus der Historie weiß – in den Wahlgängen vor 8 Jahren die Alternative zu Kardinal Ratzinger gewesen ist.

Jorge Maria Bergoglio aus Argentinien, 76 Jahre alt – im ersten Moment erschreckt einen vielleicht das Alter. Aber der Name, den er sich gegeben hat, steht für eine Überzeugung: Franziskus!

 Und weil Franziskus nicht nur die Bescheidenheit lehrte und praktizierte, sondern sich auch gegen die Macht der Kirche stellte, ist die Wahl dieses Namens hoffentlich auch ein Programm für diesen neuen Papst. Nun feiern wir ja mit ihm in diesen Tagen Ostern, das Fest des Lebens. Anlass für mich, einfach mal darüber nachzudenken, wie eine österliche Kirche aussehen könnte:

Es gibt ja viele Ostererzählungen, die uns in den Evangelien überliefert sind. Die in meinen Augen wirklich schönste Geschichte, die hören wir in der katholischen Kirche am Ostermontag. Es ist die Erzählung der beiden Jünger, die auf dem Weg von Jerusalem nach Emmaus sind. Der Evangelist Lukas hat sie uns überliefert  und er hat sie so geschrieben, dass sie den Betrachterinnen und Betrachtern viele Interpretationsmöglichkeiten offenlässt. So kann man die Emmauserzählung z.B. als eine eigene Lebens- und Glaubensgeschichte entdecken: da gibt es das vergebliche Suchen; Resignation; Schwierigkeiten, das Leid und das Kreuz Jesu zu akzeptieren; da gibt es das Entdecken der Bibel als Hilfe für das eigene Leben; Spüren, dass der Glaube doch trägt und erste Versuche, anderen davon zu erzählen. Man kann aber andererseits diese Emmauserzählung auch als „Kirchengeschichte“ lesen; quasi als Antwort auf die Frage: Wie könnte denn eine Kirche aussehen, die den Osterglauben überzeugend verkünden will. Oder ergo auch: Welche Fähigkeiten muss der neue Papst an den Tag legen, damit die Menschen von heute neues Vertrauen in die Kirche gewinnen und sie als Ganzes in eine gute Zukunft geht? Vier Leitbilder oder auch vier Skizzen einer österlichen Kirche habe ich so in dieser Erzählung für mich entdeckt:

Da ist zunächst einmal die fragende Kirche: Die Emmaus-Jünger fragen sich durch. Sie versuchen, ihre Gedanken zu ordnen, ihre Hoffnungen und Enttäuschungen auszusprechen. Sie sind noch nicht fertig mit dem, was in Jerusalem geschehen ist; sie suchen nach einer Deutung. Und auch der Fremde, dem sie begegnen, kommt nicht mit Antworten – auch er fragt. Eine österliche Kirche stelle ich mir genauso vor: Ein Klima, das vom gemeinsamen Suchen und Fragen geprägt ist und nicht von fertigen Antworten. Unsere Gemeinden verstehen sich dabei als Suchtrupps des Lebens, in denen Menschen Zeit haben, zum Glauben zu finden.

Das zweite Leitbild wäre für mich die teilende Kirche: Wenn der Fremde das Brot mit den beiden Jüngern bricht, dann ist das schlussendlich die Bestätigung für das, was schon unterwegs geschehen ist: Sie haben sich ausgetauscht; haben den anderen an ihrer Enttäuschung teilnehmen lassen und sind so zur Gemeinschaft geworden. So könnte auch eine österliche Kirche von heute aussehen: Menschen, die im wahrsten Sinne des Wortes „etwas füreinander übrig haben“, die sich gegenseitig das Brot des Lebens schenken – wobei „Brot“ für mich all das bedeutet, was den anderen am Leben hält: materielle Hilfe, ein gutes Wort, eine Geste der Versöhnung, Bereitschaft zum Zuhören. Erst beim Teilen des Brotes wird in der Geschichte der mitgehende Christus erkannt. Ein Hinweis für uns, nicht nur für’s eigene Brot zu sorgen und eine Warnung zugleich, nicht zu „Eigen-Brötlern“ zu werden.

Des Weiteren sind wir eine feiernde Kirche: Lukas hat ganz bewusst die Tischszene in seiner Emmauserzählung so geschildert, dass seine Leserschaft sofort an das Letzte Abendmahl Jesu erinnert wird und sie darin die sonntägliche Eucharistiefeier entdecken kann. Das gemeinsame Essen wird zum Fest, und Erlösung und Befreiung wird spürbar. Nur eine kleine Spur davon wünsche ich mir für unsere Gottesdienste: dass sie keine Pflichtveranstaltungen sind, mit einem Blick auf die Uhr oder eingezwängt zwischen anderen Terminen, sondern vielmehr Feste der Gegenwart Gottes, bei denen alle mitfeiern und welche eingebettet sind in ein frohes und herzliches Gemeindeleben auch außerhalb der Kirchenmauern.

Und zuletzt sollten wir eine erzählende Kirche sein: Die beiden Jünger können ihre Erfahrungen nicht für sich behalten – ebenso wenig die anderen, die sie in Jerusalem treffen. Doch dieses gegenseitige Erzählen macht Hoffnung, und wo Menschen so miteinander reden, da kann Christus dazwischenkommen: „Während sie noch redeten, kam Jesus und trat in ihre Mitte.“ Österliche Kirche – eine Kirche, in der eine/r dem/r anderen sagt, was ihr oder ihm wichtig geworden ist im Leben. Bei der eine Predigt aus dem erwächst, was in Gesprächen an Glaubenserfahrungen oder auch Fragen mitgeteilt wird.

So wünsche ich uns allen zunächst einmal ein zum Leben befreiendes Osterfest. Dann wünsche ich uns allen, dass der neue Papst Franziskus eine solch österliche Kirche vertritt, wie ich sie Ihnen jetzt dargelegt habe, und zuletzt wünsche ich Ihnen und mir, dass Ostern uns zu Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einer solchen Kirche macht, die irgendwann auch wieder ohne konfessionelle Grenzen leben und so die Einheit zeigen kann.

Herzlichst Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder unter www.wochenblatt.es




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