Sehen und Verstehen


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

In seinem Roman „Der kleine Prinz“, lässt der französische Pilot und Schriftsteller Antoine de Saint-Exupéry, seine liebenswerte Hauptperson sagen: „Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“

Bei uns ist es aber oft genau umgekehrt: Wir meinen, dass das Äußerliche das Wesentliche sei; also eben all das, was so in unserem Kopf an Vorstellungen abgeht. Dazu passt für mich auch: „Wer Gott ständig im Munde führt, der hat ihn zwar im Kopf, aber noch lange nicht in seinem Herzen.“ Wäre der Advent aber nicht eine gute Gelegenheit sich um ein tieferes Sehen und Verstehen zu bemühen? Sich mehr dem Inneren zuzuwenden als all dem Äußeren, das gerade in diesen Tagen wieder so vehement auf uns einströmt? Dabei versteht es sich von selbst, dass wir das Sehen nicht allein unseren Augen überlassen dürfen. Denn Jesus klagt nicht zu unrecht: „Sie sehen, aber sie verstehen nicht.“ Zum Sehen gehört das Herz, gehört unsere ganze Person. Das Herz sagt uns, dass wir uns danach sehnen, in den Arm genommen und geliebt  zu werden; dass wir Ausschau halten nach dem, was uns Lust, Zufriedenheit und Glück verspricht. All das müssen wir als Erstes anerkennen und in uns akzeptieren, damit wir wirklich sehen und verstehen können. Was will ich wirklich?

Wer mit dem Herzen sieht, der ist als Erstes bereit zur Versöhnung. Zur Versöhnung vor allem mit sich selbst. Ein Meister, der nach dem rechten Weg gefragt wurde, antwortete seinem Schüler: „Tu jeden Tag einem Menschen etwas Gutes.“ Und nach einer Pause fügte er hinzu: „Auch wenn dieser Mensch du selber bist.“ Und wieder nach einer Pause: „Gerade wenn dieser Mensch du selber bist.“ Wir brauchen uns nicht in hohe Ideale zu flüchten und wir brauchen auch keinen hehren Zielen in dem Sinne nachzujagen, als käme alles nur auf uns an. Wir sollten nur versuchen, uns mit den Augen Gottes zu sehen. Und ER sieht uns herzlich an. Durch Gott lernen wir, uns besser zu verstehen. Das mag nun für manche oder manchen überraschend sein, weil man uns ja nie gesagt hat, dass es im Glauben und in der Religion zuallererst auch um ein gutes Selbstverständnis geht. Aber es ist doch eigentlich klar: Bevor wir zum WIR kommen, müssen wir erst lernen ICH zu sagen.

Das ist nämlich die Vorbedingung, um auch einen anderen mit dem Herzen sehen zu können. Nicht mit den Augen des Vorurteils oder der Besserwisserei, nicht mit den Augen einer angeblichen Gerechtigkeit oder einer mitleidigen Abschätzung. Wer wirklich seiner eigenen – manchmal doch recht armseligen – Menschlichkeit schon mal begegnet ist, dem ist eben auch nichts Menschliches mehr fremd. Der kann dann andere mit dem herzlichen Blick Gottes anschauen. Er oder sie kann sich nicht mehr täuschen, weil klar ist, dass Schwaches, Krankes, Unvollkommenes, ja sogar Böses in jeder und jedem von uns steckt; deshalb wird weder er noch sie allzu sehr enttäuscht sein oder sich gar als etwas Besseres fühlen, wenn ein anderer scheitert.

Leicht ist das nicht, einem Schwächeren gerecht zu werden, schon allein weil auch die Eitelkeit und der Stolz in uns einen Platz haben. Deswegen rät uns die christliche Tradition, im anderen immer Christus zu sehen. Schließlich hat Jesus Christus alles Menschliche angenommen und dadurch auch erlöst. Wenn wir darauf vertrauen können, dass ein geschundenes Gesicht, selbst noch die bösartige Fratze eines Menschen auf diese Erlösung hinweisen, dann können wir doch auch den guten Kern entdecken, den jede und jeder von uns innehat, und der nur darauf wartet, geknackt zu werden. Gott finden wir nicht über uns thronend, sondern herabsteigend zu uns Menschen. In unseren Mitmenschen begegnen wir ihm, wahrscheinlich gerade in denen, wo wir ihn am wenigsten vermuten.

Misstrauen wir also unseren Augen, weil sie nur die Oberfläche, die sogenannte Realität sehen. Sie sehen den Schein – den Anschein. Die Wirklichkeit Gottes aber liegt tiefer. Wir werden nur in sie eindringen und sie verstehen können, wenn wir mit dem Herzen sehen. Dann werden wir auch eher verstehen, dass weniger die Macht als vielmehr die Ohnmacht der Weg ist, der uns weiterbringt. Wir müssen weder bei Gott noch bei den Menschen mit dem Kopf durch die Wand; wir dürfen die Türe benützen. Allerdings müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass diese sich nicht einfach nach außen, sondern nur nach innen öffnen lässt. Den Schlüssel zu dieser Tür aber hat unser Herz. Deswegen noch einmal: Bevor wir andere ansehen, sollten wir uns ansehen. Bevor wir meinen Gott zu erkennen, sollten wir uns kennen lernen. Die Tage des Advents wären doch eine Möglichkeit dazu – finden Sie nicht auch?

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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