Segen für den Weg


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Wenn ich mich so an meine Kinderzeit zurückerinnere, dann kommt mir immer auch ein Bild in den Sinn, welches mich an meine Mutter und einer ihr ganz eigenen Art des „Tschüss“-Sagens erinnert. Immer dann, wenn meine Geschwister oder ich das Haus verließen, um zur Schule, zu Freunden oder wo auch immer hin zu gehen, dann bekamen wir von unserer Mutter ein Kreuz auf die Stirn gezeichnet.

Das geschah ohne große Worte, ohne irgendwelche frommen Ermahnungen – nein, sie zeichnete uns nur dieses Kreuzzeichen auf die Stirn. Immer – und vor allem eben dann, wenn der Weg uns nicht gerade nur bis zur nächsten Straßenecke geführt hat.

Dieses Ritual gehörte so eindringlich dazu, dass wenn meine Mutter es im Trubel ihres Berufs- und Familienalltags vergaß, wir Kinder sie daran erinnerten und dieses Zeichen einforderten. Aber da meine Mutter diesbezüglich sehr verlässlich war, geschah dies wirklich nur äußerst selten. Es war ein fester Ritus für uns Kinder und für meine Mutter war es noch weit mehr. Es war ihre stille Bitte an Gott, dass sie uns wieder wohlbehalten zurückbekommen möge, gesund und vor allem unversehrt. Ich könnte auch anders sagen: Es war ihr Segen für unsere Wege. Als ich dann älter wurde, war mir dieses Ritual mitunter peinlich und ich kann mich gut erinnern, wie ich darauf bedacht war, dass es entweder niemand mitbekam oder ich mich so rasch davon schlich, damit die Handlung nicht möglich war. Irgendwann hat dann meine Mutter von selbst aufgehört – wahrscheinlich weil sie mein Unwohlsein dabei gespürt hat.

Im Nachhinein muss ich sagen, war es für mich ein so schönes Zeichen der Verbundenheit, dass wir – meine Frau und ich – es auch bei unseren Kindern in den Anfangsjahren gemacht haben. Was kann man denn jemand besseres wünschen, als dass sein Weg von Gott her gesegnet, geschützt und behütet sein möge. Wenn in diesen Tagen und Wochen wieder viele junge Menschen nach ihren unterschiedlichsten Schulabschlüssen ins Leben entlassen werden, dann möchte ich denen gerne genau dieses „Gesegnet-, Geschützt- und Behütetsein“ mit auf den Weg geben. Es sind ja so unterschiedliche Wege die da vor den jungen Leuten liegen, Wege und Umwege, Scheitern und Erfolge – halt das Leben wie es jede und jeder von uns immer wieder am eigenen Leib erfahren hat und auch weiter erfährt. 

Das alles hat auch mit Abschied zu tun – und der fällt denen, die als Eltern, als Vertraute für sie da waren und sie jetzt ihre Wege ziehen lassen müssen, oft alles andere als leicht. Es gibt, wie ich meine, einen wunderschönen Text, der die Sorgen und guten Wünsche in ein Wort bringt. Ich weiß nicht, von wem er stammt, aber er greift die Gedanken auf, die ich im Nachhinein beim Kreuzzeichen meiner Mutter bekommen habe und er wendet sich an die, die unsere Kinder begleiten, wenn sie eigene Wege gehen und auch gehen müssen – an die Schutzengel:

„An die Engel unserer erwachsenen Kinder! Seid ihr immer noch bei ihnen und habt ihre Wünsche in Euren Händen? Wisst ihr etwas von ihren Kämpfen und ihrer Einsamkeit? Und wenn sie nun Euch und das Leben ablehnen, wendet ihr euch dann ab und weint vor euch hin, oder bleibt ihr trotzdem bei ihnen? Sie brauchen Euch, mehr noch als damals, als sie noch klein waren. Sie brauchen Euch ganz dringend. Denn diese Jahre sind die schwerste Zeit! Alles muss jetzt eigenhändig geregelt werden; alles muss selbst verantwortet werden – und von Engeln wollen viele nichts wissen.

Ihr Engel unserer erwachsenen Kinder! Mutter und Vater dürfen nicht länger eingreifen, aber ihr dürft. Mutter und Vater dürfen nicht länger Ratschläge erteilen, aber eure Weisheit kommt von Gott. Bleibt bei unseren erwachsenen Kindern. Helft ihnen, im Gestrüpp zu wandern und den richtigen Weg zu finden. Führt sie nicht den leichtesten Weg, aber den schönsten – ihren eigenen Weg!“

So weit dieser Text, der aussagt, was ich nicht besser sagen und wünschen kann. Deshalb bleibt mir nur, ein ganz dickes Ausrufezeichen hinter diese Worte zu setzen. Ihnen allen, den Jungen wie den Älteren, Gottes Rückenwind und Segen zu wünschen für all das Schöne, aber auch das Schwere, das vielleicht gerade Sie im Moment zu tragen haben. In diesem Sinne – Ihnen allen, ein spannendes Leben und jetzt im Urlaub zunächst mal ein paar erholsame Tage zum Auftanken!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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