Schön wär’s ja


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Vor kurzem kam ich – nachdem ich mich als katholischer Geistlicher „geoutet“ hatte – in unserem Urlaub mit einem Ehepaar ins Gespräch, welches mich mit einer Bibelstelle konfrontierte, die es in sich hat.

Dieses Ehepaar hatte in den zurückliegenden Jahren einige Schicksalsschläge zu verkraften gehabt. Weil sie mitunter ans Ende ihrer Kräfte kamen und weil sie oft nicht mehr ein noch aus wussten, haben sie sich an ihren Heimatpfarrer gewandt, der ihnen folgende Bibelstelle mit auf den Weg gab:

„Christus spricht: Bittet, dann wird euch gegeben; sucht, dann werdet ihr finden; klopft an, dann wird euch geöffnet. Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. Oder ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange gibt, wenn er um einen Fisch bittet, oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet? Wenn nun schon ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gebt, was gut ist, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.“ (Lukas 11, 9-13)

Es sei dahingestellt, ob es sinnvoll ist, jemandem in einer schwierigen persönlichen Situation eine solche Bibelstelle unvermittelt um die Ohren zu „hauen“. Und ich kann mir durchaus vorstellen, dass Sie, die Sie diese Zeilen jetzt gerade lesen, vielleicht spontan denken und sagen: „Schön wär’s ja! Aber meine Erfahrungen sind ebenfalls ganz anders.“ Und da sind Sie durchaus nicht allein. Wie oft haben wir alle schon die Erfahrung gemacht: Meine Gebete, auch wenn sie noch so dringend waren, wurden nicht erhört. Sei es die Bitte um Genesung eines guten Bekannten; die Bitte um einen Ausweg aus der Depression; das flehentliche Bitten um Versöhnung mit den Kindern. Und was ist passiert? Das Gegenteil ist eingetreten: Der Bekannte ist nach hartem Kampf gestorben, die Depression hat sich verschlimmert, die Kinder sind im Zorn von den Eltern gegangen und man weiß nicht, wie es weitergehen soll. Was heißt denn da noch vertrauensvolles Gebet? Und ist nicht Jesus selbst mit seinen Gebeten gescheitert? Ich hab doch noch im Ohr, wie von Jesus der Ruf in der Passion überliefert ist: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Hören wir ihn heute auch mit diesen Worten? Fühlen wir uns nicht oft wie er, eben von Gott und der Welt verlassen?

Es scheint wirklich die Gebetserfahrung vieler unter uns zu sein: Das Gebet hilft nichts, es nützt nichts, es geht ins Leere. Und die christlichen Gruppen, die in fast magischer Weise mit dem Beten umgehen und behaupten, von Gott wirklich alles erreichen zu können, die helfen uns da auch nicht weiter. Sie treffen uns höchstens noch mit ihrer Feststellung: Gott hört schon; aber eben nicht auf euch, weil ihr keinen Glauben, weil ihr kein Vertrauen habt.

Trotz all dieser Erfahrungen passiert es mir aber immer wieder, dass Menschen zu mir sagen: Beten sie bitte für mich. Und ich tue das auch. Selbstverständlich halte ich ihm, dem Herrgott, nicht nur Sonntag für Sonntag, sondern Tag für Tag all das hin, was Menschen bedrückt, belastet, bewegt. Denn mit all dem hat doch auch ER etwas zu tun. Er ist unser Gott und selbst wenn er mir eine Antwort schuldig bleibt, weiß ich ihn als meinen Freund an der Seite. Auch ich erlebe doch immer wieder neu: Krankheit bleibt Krankheit, Elend bleibt Elend und Tod bleibt Tod. Aber dieser Gott ist mir trotzdem nahe, nimmt mich in seine Arme, obwohl er keine andere Lösung parat hat. Und genau deshalb höre ich auch nicht auf zu beten. Schon allein deswegen, um etwas zu tun, wenn mir sonst nichts mehr zu tun bleibt. Im Gebet, da kann ich eine krebskranke Frau in meine Arme nehmen. Im Gebet kann ich der jungen Mutter über den Kopf streicheln, die eine solch immense Angst vor der OP hat. Im Gebet kann ich den Depressiven an der Hand nehmen und mit ihm durchs Dunkel gehen. Ja, ich bete, weil mir nichts anderes bleibt.  

Und: Ich bete auch, weil das Gebet für mich eine Möglichkeit ist, mich zu öffnen und mir den Rücken frei zu halten. Wie heißt es in einem Roman: „Die wahre Seite des Gebets beginnt, wenn wir aufhören zu bitten und anfangen zu lassen….“ Beten heißt für mich deshalb ein Ringen und Flehen um Menschen, um alles, was zu unserem Leben dazugehört. Ein Offenhalten für alles, was kommt; kein Erzwingen-Wollen. Einfach ein Bitten, das zugleich beweist, wie schwach und ohnmächtig ich bin. Und dann – dann geschieht gelegentlich etwas, was mir das sichere Gefühl gibt, erhört worden zu sein. Rein äußerlich ist nichts geschehen. Und dennoch wurde ich schon des öfteren von der Sicherheit überwältigt, dass ER mir auf seine Weise eine Antwort gegeben hat. Dann geht mir auf, was lassen heißt: Einen Menschen, eine Not, eine Hoffnung ganz vertrauensvoll in die Hände Gottes zu legen; mein Sache schlicht zu seiner Sache zu machen. Dennoch und trotz alledem.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder www.wochenblatt.es




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