Saida: „Mein Leben wurde zerstört“


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Verbrennungsopfer der Karnevalsgala erhebt bei ihrem ersten öffentlichen Auftritt nach dem Unfall schwere Vorwürfe gegen Designer Willy Jorge

Saida Prieto, die junge Frau, die bei der Gala zur Wahl der Karnevalskönigin im Februar schwerste Verbrennungen erlitt, ist erstmals nach dem schlimmen Unfall vor die Öffentlichkeit getreten. In der Kanzlei ihres Anwalts Juan José Rodríguez trat sie mit Besonnenheit und ernster, fast starrer Miene vor die Presse, die sich dort sehr zahlreich versammelt hatte.

Gemeinsam mit ihrer Mutter schilderte sie Einzelheiten des Unfalls und des zweimonatigen Leidenswegs im Krankenhaus. Sie schwebte längere Zeit in Lebensgefahr, und erst nach sechs Wochen kam die erlösende Nachricht des Ärzteteams an Dulce Hernández, dass ihre Tochter nun außer Lebensgefahr sei.

Saida verlas eine Stellungnahme, in der sie sich zunächst für die Solidarität der Bürger Teneriffas und aller Canarios bedankte, ebenso wie für die Unterstützung des Rathauses von Santa Cruz de Tenerife und im Besonderen von Bürgermeister José Manuel Bermúdez. Ihre Dankesworte galten auch dem Personal der Universitätsklinik von Teneriffa, im Speziellen Schönheits-chirurg Cristino Suárez, und der Klinik für Verbrennungsopfer in Sevilla, wo sie während der zwei kritischen Monate behandelt wurde. „Ich habe 11 Operationen hinter mir. Ich habe viel gelitten, und es war eine sehr schwere Zeit. Sie haben mein Leben zerstört, aber ich werde für mich und meine Tochter bis zum Ende kämpfen, koste es, was es wolle und ohne Rücksicht auf Verluste“, so deutlich äußerte sie ihren Entschluss, rechtlich gegen die Verantwortlichen für ihr Schicksal vorzugehen.

Ressentiments gegen die vermeintlich Schuldigen

Ohne Umschweife bezeichnete sie Designer Willy Jorge, der das Feuerwerk, das den Unfall verursachte, am Kleid seiner Kandidaten angebracht hatte, als Verantwortlichen: „Durch ihn fing mein Kleid Feuer. Wenn er der Hauptverantwortliche ist, der das Feuer ausgelöst hat, dann muss er dafür geradestehen“.

Saida bewegte sich während der knapp einstündigen Pressekonferenz nur wenig. Ein einziges Mal huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Mit Bitterkeit in der Stimme erwiderte sie auf die Frage eines Journalisten, dass weder Willy Jorge noch seine Kandidatin Magnolia Cruz sich seit dem Unglück telefonisch mit ihr in Verbindung gesetzt hätten.

Saida erinnert sich noch haargenau an die schrecklichen Momente im Backstage des Messezentrums am 6. Februar. Die Schöpfer ihres Kleides, Carolina Hernández und Víctor Díaz, und der Tontechniker Cavi Lladó waren die einzigen, die ihr zur Hilfe kamen, als sie in den Flammen gefangen war. „Da waren keine Feuerwehrleute, niemand, nur Víctor, Carolina und dieser Junge. Sie haben mir das Leben gerettet“, versicherte sie. Später habe sie durch die Schmerz- und Beruhigungsmittel die Orientierung verloren. In Sevilla sei sie in einem gläsernen Zimmer erwacht. Ihre Familie, auch ihre kleine Tochter, habe sie wochenlang nur durch die Glasscheiben sehen und über ein Telefon mit ihnen sprechen können. Ihre ersten Worte waren laut ihrer Mutter: „Wo waren denn alle? Wo war die Feuerwehr?“

Die Isolation und Trennung von der Familie, mit der sie zwei Monate lang keinerlei körperlichen Kontakt hatte, habe ihr zugesetzt. Trotz intensiver Betreuung durch die Klinikpsychologin in Sevilla, sei ihr Mädchen nicht mehr wie früher, bedauerte Mutter Dulce.

„Ich kann die Arme nicht bewegen“

Ihr stehe noch eine lange Rehabilitation und mindestens zwei weitere Operationen bevor, erklärte Saida zum Ende der Pressekonferenz. Mit Tränen in den Augen beschrieb sie ihre jetzige Lebenslage. „Ich kann die Arme nicht bewegen. Ich bin fürs An- und Ausziehen und fürs Baden auf Hilfe angewiesen. Man kocht für mich. Ich kann nicht arbeiten. Früher konnte ich alles selbst machen, und jetzt müssen es andere für mich tun, weil ich es alleine nicht mehr kann. Das ist schwer, sehr schwer.“

Sie hoffe jedoch, eines Tages wieder dieselbe wie früher zu sein und ihren Traum, in der Modebranche zu arbeiten, verwirklichen zu können. Sie sei weiterhin eine Karnevalistin und werde, wenn es ihr möglich sei, im nächsten Jahr wieder auf der Bühne stehen – als Tänzerin einer Karnevalsgruppe und als Kandidatin zur Wahl der Königin, zusammen mit ihren Designern Carolina und Víctor. „Ich möchte nicht, dass mir dieser Traum geraubt wird.“

Prozessauftakt im Juni

Die Prozesseröffnung ist für Juni vorgesehen. Die bislang einzigen zwei Beschuldigten in diesem Fall sind der Designer Willy Jorge und Francisco Trujillo, Leiter des Festamtes von Santa Cruz, der nach dem Unfall von der Stadtverwaltung seines Amtes enthoben wurde.

Saida ist für den 13. Juni zur Anhörung vorgeladen.

Was vor vier Monaten passierte

Am Abend des 6. Februar 2013 traten im Messezentrum von Santa Cruz 14 Kandidatinnen zur Wahl der Karnevalskönigin an. Im Backstage warteten sie dicht hintereinander auf zwei Rampen, die rechts und links auf  die Bühne führten, auf ihren großen Auftritt, um ihre riesigen Fantasiekostüme der Jury und dem Publikum zu präsentieren. Auch die 25-jährige Saida Prieto Hernández stand bereit für ihren großen Auftritt, perfekt geschminkt, mit aufwendigem Kopfschmuck und angeschnallt an ihr prunkvolles Kleid. Die voluminösen Kostüme sind meist so schwer, dass die Mädchen daran angeschnallt werden, um sie auf Rollen über die Bühne ziehen zu können.

Unmittelbar bevor Saidas Name aufgerufen werden sollte, entzündete sich am Kleid ihrer Mitbewerberin Magnolia Cruz, die direkt hinter ihr auf der Rampe stand, ein Feuerwerkselement. Innerhalb von Sekunden stand Saidas Kostüm in Flammen, die meterhoch schlugen. Das Mädchen befand sich in einer Feuerfalle. Ihre Designer Carolina Hernández und Víctor Díaz griffen sofort ein, um sie zu befreien. Auch sie erlitten Verbrennungen. Víctor Díaz berichtete Tage später, nach seiner Entlassung aus dem Krankenhaus, dass er gerade dabei war, Saida den Kopfschmuck aufzusetzen, weil sie an der Reihe war, als das Kleid in Flammen aufging. Er habe versucht, an den Gürtel zu kommen, der die junge Frau an das brennende Kostüm fesselte, doch das sei ihm zunächst nicht gelungen. Ein Tontechniker warf ihm einen Feuerlöscher zu, mit dem er zu Saida in die Flammen stieg, und das Löschpulver über sie und sich selbst versprühte. Danach konnte er Saida aus dem Kleid befreien.

Die Verletzte wurde zunächst in einem Krankenwagen des Roten Kreuzes notversorgt. Unterdessen wurde die Gala fortgesetzt. Die Moderatoren erhielten Anweisungen, sich nichts anmerken zu lassen und lediglich bekannt zu geben, dass bei Kandidatin Nummer sieben „ein Problem mit dem Kostüm“ aufgetreten sei. Das Publikum wunderte sich über den Brandgeruch, und Asche wehte bis in die ersten Zuschauerreihen. Während Kandidatin Nummer neun, deren Kleid das Unglück verursacht hatte, die Bühne betrat, ohne dass ihr etwas von dem soeben Erlebten anzumerken war, wurde Saida in die Universitätsklinik gebracht, wo sie einer mehrstündigen Notoperation unterzogen wurde. Erst zwei Tage später, als ihre Verlegung in die Spezialklinik für Verbrennungsopfer in Sevilla bereits erfolgt war, wurde das wahre Ausmaß des Unfalls bekannt. Saida hatte schwerste Verbrennungen zweiten und dritten Grades erlitten. Besonders betroffen waren Rücken und Beine.




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