»Religion und Gewalt«


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„Lichtblicke“ der deutschen Seelsorger auf Teneriffa – diesmal von Pfarrer Roland Herrig, Evangelische Gemeinde Teneriffa Süd

Zum Jahrestag des Anschlags auf das Satire-Magazin „Charlie Hebdo“ in der vergangenen Woche veröffentlichte eben dieses Magazin ein Sonderheft, auf dessen Titel Gott zu sehen war: Gott auf der Flucht, mit Kalaschnikow auf dem Rücken und Blut am Gewand.

Darüber die Worte: „Ein Jahr danach – der Mörder ist immer noch auf freiem Fuß“. Soll heißen: Gott ist schuld an Gewalt und Terror, bzw. die Religion. Soll heißen: Wenn wir die Religion abschaffen und Gott eliminieren, wird die Welt besser. Bemerkenswert ist an dieser Karikatur übrigens, dass es sich eigentlich um den christlichen Gott handeln muss, denn das Dreieck mit Auge über seinem Kopf weist auf die Dreifaltigkeit hin. Die Mörder von Paris aber waren keine Christen …

Diese Darstellung ist krass. Aber selbstverständlich dürfen die das. Für diese Freiheit haben sich vor einem Jahr ja viele mit dem Schriftzug „Je suis Charlie“ geschmückt.

Den Verdacht oder die Unterstellung, die Religion sei schuld an der Gewalt, kann man natürlich auch sanfter ausdrücken. Zum Beispiel wie John Lennon das vor Jahrzehnten in seinem berühmten Lied „Imagine“ getan hat: „Stell dir vor, es gibt keinen Himmel … und auch keine Religion … Stell dir vor, alle Menschen leben in Frieden miteinander.“ Das kommt so sanft daher, dass es auch viele Christen gerne mitsingen. Im Grunde ist es nichts anderes, als das Bild von Gott mit der Kalaschnikow: Die Religion ist schuld, dass es keinen Frieden auf Erden gibt.

Aber ist da nicht ein Körnchen Wahrheit dran? Waren die Attentäter von Paris im Januar und im November letzten Jahres etwa nicht von religiösem Eifer angetrieben? Ist die Geschichte der Religionen im Allgemeinen und die Geschichte gerade der christlichen Kirche im Besonderen etwa nicht eine Geschichte der Gewalt? Sie kennen die Stichworte: Kreuzzüge, Inquisition, Hexenverfolgung … – Ja, sicher.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die christliche Religion die Kraft hatte, aus sich selbst heraus diese gewalttätigen Züge zu überwinden. Und es gehört auch zur Wahrheit, dass die Lehre ihres Gründers, Jesus von Nazareth, entscheidend dazu beitragen konnte; denn Jesus lehrte die Gewaltlosigkeit.

Ebenfalls zur Wahrheit gehört, dass nicht alle Religionen in ihren Ursprüngen so friedlich sind wie das Christentum. Mohammed mit einer Bombe im Turban zu zeichnen ist leider doch treffender, als den Christengott mit Kalaschnikow darzustellen.

Und nicht zuletzt: Die größten Gewalt- und Terrororgien des vergangenen Jahrhunderts gingen von nichtreligiösen bzw. deutlich religionsfeindlichen Bewegungen aus: Vom Kommunismus und vom Nationalsozialismus, die gemeinsam über 100 Millionen Opfer zu verantworten haben.

Wir Christen hoffen und vertrauen auf einen Gott, dessen Programm heißt: „Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen“. Das hat er Weihnachten, bei der Geburt Jesu angekündigt.

Roland Herrig

Evangelische Kirche

Gemeinde Teneriffa Süd




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