„Piedad“ heißt Erbarmen


© Moisés Pérez

Fünfjähriges Mädchen soll mit Gewalt aus dem Schoß ihrer Adoptivfamilie gerissen werden

In La Orotava spielt sich seit einigen Wochen ein Drama ab, das einen großen Teil der Gesellschaft und auch zahlreiche Politiker auf den Plan gerufen hat. Der Fall der fünfjährigen „Piedad“ (Name geändert) lässt kaum jemanden ungerührt. Das Kind kam mit sieben Monaten in ein Heim, nachdem das Jugendamt der Mutter die Vormundschaft aberkannt hatte, weil diese mit ihrem Baby auf der Straße lebte.

Das kleine Mädchen wuchs im Kinderheim auf, und vor knapp zwei Jahren wurde ein Adoptionsprozess gestartet. „Preadopción“ nennt sich der derzeitige Stand des Adoptionsprozesses, was heißen will, dass alle notwendigen Dokumente vorliegen und die neue Familie bereits die Vormundschaft für das Kind übernommen hat, die tatsächliche Adoption und damit die Namensänderung allerdings noch aussteht.

Nachdem die leibliche Mutter von „Piedad“ bereits vor Monaten einen Prozess angestrengt hat, um die Adoption zu stoppen und ihr Kind zu sich zurückzuholen, hat ein Richter in Las Palmas vor wenigen Wochen ein äußerst umstrittenes Urteil gefällt. Der Adoptionsprozess wurde unterbrochen. Piedad muss zu ihrer leiblichen Mutter zurückkehren, wird in dem Urteil bestimmt. Ganz abgesehen davon, dass Piedad sich vermutlich kaum an ihre leibliche Mutter erinnern wird und nur ihre Adoptivmutter kennt, zweifelt diese und ihre Familie stark daran, dass die leibliche Mutter in der Lage ist, für ihr Kind zu sorgen. Die Adoptivfamilie – Mutter, Vater und Geschwister – sind verzweifelt. Sie wollen nur das Beste für Piedad, beteuern sie immer wieder. „Wir kämpfen für ihr seelisches Gleichgewicht, für ihre Träume, für ihre Wünsche – das ist uns heilig“, versicherte die Adoptivmutter.

In La Orotava fand am 16. Dezember eine Kundgebung statt, bei der sich viele Bürger auf die Seite der Adoptiveltern stellten, sogar Vertreter aus dem Rathaus kamen, und mittlerweile hat sich auch die Inselpräsidentin der PP, Cristina Tavío, mit ihnen solidarisch erklärt. Der Verband für die Rechte der Kinder Prodeni hat die Staatsanwaltschaft aufgefordert einzugreifen, damit Piedad nicht mit Gewalt aus dem Schoß ihrer Familie gerissen wird, was dem Kind schwerwiegende psychische Schäden zufügen würde. Zehn ärztliche bzw. psychologische Gutachten raten von einer Rückkehr des Kindes zu seiner leiblichen Mutter ab. Doch das Gericht hat nach Auskunft der Adoptiveltern weder Interesse an diesen Gutachten noch an einer Anhörung der Minderjährigen oder einer Berücksichtigung ihrer besonderen Umstände gezeigt.

Am 18. Dezember klingelten Polizeibeamte an der Haustüre der Adoptivfamilie von Piedad. Sie hatten den Befehl, das Kind abzuholen. Doch die Mutter weigerte sich. „Ich werde eher ins Gefängnis gehen, als Piedad hergeben. Sie wollen mich sogar wegen Entführung anzeigen“, sagte sie. Nun will sich die Familie mit dem spanischen Justizminister in Verbindung setzen, „damit er persönlich dafür sorgt, dass diesem Prozess ein Ende gesetzt wird und nicht ein Kind zum Opfer der brutalen Grausamkeit des Justizsystems wird“, erklärte der Vormund.




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