Pfingsten – raus aus den eigenen Wänden


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Vor kurzem las ich in einer Umfrage, wie Menschen die Pfingsttage verbringen. Angesagt sind Ausflüge, Kurz- oder auch Fernreisen (wenn die Pfingstferien das hergeben), einfach all das, was einen aus den eigenen vier Wänden lockt. „Raus aus den eigenen vier Wänden“ das passt auch recht gut zu dem, was wir Christen an Pfingsten miteinander feiern.

Nach 50 Tagen verlassen nämlich die Frauen und Männer um Jesus ihre geschützten Wände und werden zu mutigen Zeuginnen und Zeugen ihres Glaubens.

Nach allem, was die Frauen und Männer zuvor erlebt hatten, war das alles andere als selbstverständlich. Zu tief saß ihnen der Schrecken des Karfreitags in den Gliedern. Der verbrecherische Tod Jesu am Kreuz hatte Entsetzen und Angst unter ihnen hervorgerufen und ihnen die Sprache verschlagen. Bis – ja bis Frauen am Ostermorgen mit der Nachricht vom leeren Grab zurückkamen. Er lebt, er ist auferstanden. Einige konnten es zwar lange Zeit immer noch nicht glauben, aber nach und nach nahm ihnen der Auferstandene selbst die Zweifel, indem er sich zu erkennen gab. Die Öffentlichkeit aber haben sie weiterhin gescheut – aus Angst, es könne ihnen ähnlich ergehen, wie ihrem Herrn und Meister selbst. Das allerdings änderte sich dann auf einen Schlag. Furcht und Resignation waren auf einmal wie weggeblasen und das kleine und eben noch so verängs­tigte Häuflein traut sich plötzlich etwas zu, wird buchstäblich „Feuer und Flamme“ für die Sache Jesu.

Was war passiert? Da es keiner so recht zu sagen weiß, müssen Bilder herhalten, um denen, die nicht dabei waren, wenigstens einen kleinen Eindruck davon zu vermitteln. Es entsteht an jenem Tag in Jerusalem „ein plötzliches Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daher fährt“; „Zungen wie von Feuer“ erscheinen, die sich verteilen und die sich auf jeden einzelnen niederlassen; Menschen beginnen in fremden Sprachen zu reden und alle geraten außer sich vor Staunen. Sturmesbrausen und Feuerzungen, das sind Bilder für den Geist Gottes. Und es heißt: Dieser Geist kam über das Haus, in dem sie waren. Sie – damit sind die Jünger Jesu, seine Mutter Maria und die Frauen gemeint, die Jesus begleitet hatten. Sie wurden von den Ereignissen regelrecht überrollt. Aber nicht nur sie, sondern auch all die vielen Menschen aus anderen Ländern, die sich an diesem Tag zum Erntedankfest in Jerusalem aufhielten.

Ganz unerwartet bricht also Neues auf. Gottes Geist schafft sich Bahn, die frohe Botschaft findet ihren Weg zu den Menschen. Die Frauen und Männer reißen die Türen auf und beginnen zu predigen – und zwar nicht über die Köpfe der Menschen hinweg, sondern in ihre Ohren und Herzen hinein. Jede und jeder fühlt sich verstanden, empfindet es so, als würden sie in der Muttersprache angesprochen werden. Und was sie anspricht, das ist die Nachricht, dass Gott seinen Sohn zu neuem Leben erweckt hat und dass diese Botschaft auch uns gilt. Wenn er lebt, dann werden auch wir leben. Und so springt der berühmte Funke über und die kleine Christengemeinde beginnt, ihren Glauben in die Welt zu tragen – Kirche entsteht.

Pfingsten, das war damals ein schier unglaublicher Aufbruch, eine nicht mehr zu bremsende Begeisterung. Und was ist davon übrig geblieben? Sieht man einmal von der punktuellen Begeisterung bei Weltjugendtagen, bei Kirchen- oder Katholikentagen ab, dann ist doch die Frage berechtigt: Ist der Schwung von damals auf dem Marsch durch die Jahrhunderte verloren gegangen? Die Kirche findet doch kaum mehr Anknüpfungspunkte für das, was sie heute vermitteln möchte. Bei vielen Zeitgenossen bekommt sie keinen Fuß mehr in die Tür und so ist es auch nicht verwunderlich, dass es um den Hl. Geist still geworden ist. Es scheint, als habe er sich leise davon gemacht. Die Windstärke von damals scheint er auf alle Fälle nicht mehr zu haben. Oder traut ihm die Kirche zu wenig zu? Regiert zu sehr die Angst in unseren Räumlichkeiten, dass der Hl. Geist unbändig werden und den gewohnten Gang der Geschichte stören könnte?

Es ist mit dem Hl. Geist wie mit dem Wind. Er bläst da, wo er will, wie das Joh-Evangelium sagt, und das kann in der Tat manchmal beunruhigend sein, weil wir lieber geordnete Strukturen und klare Verhältnisse lieben. Aber der Geist Gottes stellt vieles auf den Kopf und so manche Schublade, die Menschen ordentlich angefertigt haben, passt auf einmal nicht mehr. Pfingsten heißt: Angst überwinden! Die Kirche muss nach vorne blicken und dazu gehört, sich der Situation offen zu stellen. Offen sein für die Sorgen und Nöte der Menschen von heute; offen sein für ihre Fragen und Zweifel; offen sein für kritische Leute und Querdenker, die das Althergebrachte in Frage stellen und vor Betriebsblindheit bewahren.

Der Hl. Geist lässt sich weder konservieren noch am Gängelband führen. Er duldet auch keinen Platzanweiser. Gottes Geist ist und bleibt vielmehr unberechenbar; deshalb ist auch Pfingsten ein unberechenbares Fest. Lassen wir uns von Gottes Geist also den Rücken stärken und trauen wir uns endlich Dinge zu die wir bislang nicht mal zu träumen gewagt haben.

In diesem Sinne uns allen ein mutiges und unberechenbares Pfingstfest – auf dass wir Kirche leben, wie Kirche sein soll.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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