Palmesel


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Gibt es bei Ihnen zu Hause auch den Brauch des „Palmesels“? Da wird der- oder diejenige gutmütig verspottet, welche an diesem Tag als letzte/r aufsteht. Warum und weshalb sich dieser Brauch in manchen Gegenden eingebürgert hat – ich weiß es nicht.

Aber rein biblisch gesehen trägt der oder die so als Palmesel Gescholtene einen Ehrentitel: Denn auf einem Esel, einem sogenannten „Arme-Leute-Tier“, zieht Jesus in Jerusalem ein. Auf einem Eselchen, genauer gesagt, und nicht auf einem hohen Ross.

Das Johannes-Evangelium berichtet von einer sehr freudigen aber gleichzeitig auch sehr angespannten Stimmung, die da in den Straßen Jerusalems geherrscht hat. Schließlich geschah der Einzug nicht irgendwann, sondern in den Tagen des größten Wallfahrtsfestes, bei dem sich Hunderte von Menschen durch die engen Gassen und Straßen von Jerusalem drängten. Aus allen Teilen des Landes strömten die Menschen zum Tempel, um wie alljährlich das Fest der Befreiung, das Paschafest, zu feiern. Die Stimmung selbst war allerdings, gerade in diesen besonderen Tagen, alles andere als friedlich. Zu sehr drückte die Knechtschaft durch die Römer das jüdische Volk und dass es ganz besonders im Norden des Landes gärte, in Galiläa, das war vielfach bekannt. Dort schlossen sich die einen zu Rebellengruppen zusammen, andere wiederum versteckten sie vor den Römern. Ziel war einfach, den römischen Eindringlingen zu schaden, wo es nur ging. Und ein solch großes Fest, das wissen wir aus Ereignissen der Gegenwart, werden ja gerne zu provokativen Aktionen hergenommen. Deshalb verstärkten die Römer ihre Soldatenposten; sie rüsteten auf und schärften ihre Waffen. So zumindest berichten es die außerbiblischen Quellen durch zeitgenössische Geschichtsschreiber.

Mitten in dieser brodelnden und auch sehr aufgeregten Menge war auch er: Dieser Wanderprediger aus dem nördlichen Galiläa. Was über ihn geflissentlich so gesagt wurde ist: Dieser Galiläer fürchtet Gott, aber nicht die Menschen; weder die Römer noch die Tempelherren. Der sucht nicht die Gesellschaft der feinen Leute, sondern er bemüht sich vor allem um die armen Leute und um die, die in den Augen anderer in Verruf geraten sind. Der berührt Kranke und heilt sie – und: Er nimmt ernst, dass man zuerst satt werden muss, bevor man beten kann. Er kümmert sich auch um die angesehenen Bürgerinnen und Bürger, nicht aber, um ihnen nach dem Mund zu reden, sondern sie zu einem Weg der Solidarität und mehr Gemeinschaft mit allen gesellschaftlichen Gruppen zu bewegen.

Ja, so einer war das. Und von daher kann man sagen: Dieser „Arme-Leute-König-Einzug“ in Jerusalem, das passte zu ihm. Der Erzähler des Evangeliums macht deutlich: Eine Art Triumphzug war das – und doch etwas so ganz anderes. Da zog ein anderer König ein – ein Friedensbringer, ein Gerechter, ein Sanftmütiger, einer, der auf einem Esel daherkommt und eben nicht mit Kriegsrössern und Streitwagen. Kein Ländereroberer, kein listiger Verhandler, kein fordernder Sieger und kein arroganter Herrscher. Der auf dem Esel, das ist ein Pilger. Einer, der auf Gottes Wegen geht. Für die ersten Christengemeinden war im Nachhinein klar: Damit erfüllten sich die Prophezeiungen. Alle Welt konnte es damals sehen: Der Heiland Gottes zieht ein. Nicht wie ein weltlicher Herrscher, nicht wie Fürsten und Könige, sondern wie ein Pilger auf einem Esel.

Die biblische Überlieferung sagt: Der Esel ist das Symboltier des Stammes Juda aus dem Volk Israel. Aus diesem Stamm wird der Messias Gottes kommen, weshalb der Esel auch als das Reittier des messianischen Friedenskönigs gilt. Und genau aus diesem Grund finden wir auf allen bildlichen Darstellungen des Stalls von Bethlehem eben auch den Esel abgebildet. Denn erwähnt wird er in der Weihnachtsgeschichte genauso wenig wie bei der Flucht nach Ägypten. Aber ein anderes Begleittier für das Kind Gottes lässt sich nach biblischen Bezügen einfach nicht vorstellen. Fünf Tage nach dem friedvollen Einzug auf dem Eselchen, wird Jesus verhaftet, verspottet und gekreuzigt. Der Friedenskönig stirbt am Kreuz. Der, der auf dem Lastesel einzog, trägt selbst die Last der Menschen; gibt sich hin, damit wir das Leben haben.

Wenn ich all das so bedenke, von den Anfängen bei der Geburt bis hin zur Passion Jesu, dann stelle ich fest: Es gibt kein passenderes Reittier für Jesus als den Esel. Deshalb ist der Palmesel, der Christus trägt, eben auch ein Ehrentitel. Vielleicht sollten die, die am Palmsonntag als Langschläfer/in mit diesem Titel bedacht werden, einfach daran denken: Wir sind Christusträger. Und noch eines: Der Esel gilt als belastbar, sanftmütig und freundlich, aber auch als hartnäckig und mitunter störrisch. Aber vielleicht ist es manchmal gar nicht so verkehrt, beharrlich zu sein und nicht aufzugeben, wenn man etwas als wichtig und richtig erkannt hat. Man kann ja versuchen, dabei so sanftmütig wie möglich zu bleiben.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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