Ostern – nur ein Frühlingsfest?


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

„Wie das Küken aus dem Ei gekrochen, so hat Christus einst das Grab zerbrochen.“ Finden Sie nicht auch, dass dieser Merksatz aus einem Religionsbuch so etwas wie ein hilfloser Versuch ist, österliches Brauchtum und die Botschaft des Glaubens zusammenzubringen?

Und ist das nicht generell unser Problem, welches wir mit Ostern haben? Denken wir doch nur mal an die Weihnachtszeit zurück. Wie viel an Brauchtum rankt sich da um all die biblischen Geschichten zur Geburt Jesu. Da bedarf es nicht nur des Stichwortes „Krippe“; nein, außer Krippe und Krippenspiel gibt es den Christbaum, da gibt es Dreikönige und vieles andere mehr. Aber österlich-biblisches Brauchtum? Fehlanzeige! Die Auferstehung darstellen oder gar spielen? Irgendwie sträubt sich da alles in mir, denn dieses Ereignis selbst ist ja nicht mal in der Bibel direkt beschrieben.

Sicherlich: Mit Frühlingssymbolen tun wir uns da erheblich leichter. Blumen, Eier, Zweige, junge Hasen… Alles Zeichen für das Leben, für das aufbrechende Leben im Frühjahr. Nach all dem Absterben im Winter kommt jetzt wieder das neue Leben, machtvoll aufblühend. Doch ich frage mich: Steht hinter dieser ganzen Frühjahrssymbolik nicht einfach nur ein alter Menschheitstraum? Der Traum, dass wir Menschen uns gerne in diesen – scheinbar ewigen Kreislauf des Lebens – hineinnehmen möchten? Aber genau das geht doch letztendlich nicht. Es gibt nun mal in jedem menschlichen Leben nur einen Frühling, nur einen Sommer, nur einen Lebensherbst und schließlich und endlich ein unerbittliches, endgültiges Absterben im Winter. Dieses Wissen tragen wir alle ganz tief in uns, auch wenn wir uns oft nicht erlauben oder uns nicht getrauen, genau darüber zu sprechen. Aber wir wissen: Wir sind unterwegs zum Grab – ob wir das nun wahrhaben wollen oder nicht.

Doch genau bei dieser Erfahrung sind wir nun mitten drin im Ostergeschehen, mitten drin im Oster-Evangelium. Wenn ich den Text der Hl. Schrift so betrachte, dann enthält die Osterbotschaft sieben Mal das Wort „Grab“ und es ist sogar vom ausdrücklichen „Hineingehen“ in das Grab die Rede. Aber genau das ist es ja, was mich an der Osterbotschaft so tief überzeugt. Sie setzt unten an, ganz unten, am Tiefpunkt unserer menschlichen Existenz. Da, wo wir mit unserem Latein sprichwörtlich am Ende sind; da, wo wir hilflos und ohnmächtig vor unseren Gräbern stehen – genau da beginnt Gott ganz neu, gänzlich neu. Er durchbricht den Kreislauf und schenkt uns die Hoffnung auf ein wirkliches, unzerstörbares Leben. Der Stein ist vom Grab weggewälzt, ein für allemal! Und jetzt gibt es nur noch eine entscheidende Frage: Glaube ich daran? Geht es mir wie dem „anderen Jünger“, von dem es heißt: „Er sah und glaubte“? Kann man das auch von mir sagen? Bedenken Sie: Er „sah“ auch nicht mehr als das leere Grab. Noch keine Begegnung mit dem Auferstandenen! Nur ein leeres Grab!! Aber er glaubte!

Was „sehen“ wir alles – rund 2000 Jahre später? Unendlich Vieles, beginnend beim einhelligen Zeugnis der ersten Jüngerinnen und Jünger, der Apostel und der raschen Ausbreitung des Christentums in der ganzen damals bekannten Welt. Abertausende haben ihr Leben für Christus und diese Botschaft vom Leben dahingegeben. Millionen und Milliarden von Menschen sind ihren Lebensweg im Vertrauen auf Jesus gegangen und sind im festen Vertrauen auf ihn auch gestorben. So bildet die Christenheit heute die weltweit größte Glaubensgemeinschaft – zumindest noch. Und deshalb wird in diesen Tagen eben auch dieses Fest auf dem ganzen Erdkreis gefeiert, bis in den letzten Winkel hinein. Es wird das Leben gefeiert und besungen, das den Tod überwunden hat.

Dies alles begann an jenem Ostermorgen am leeren Grab. Und deshalb denke ich, dürfen wir an Ostern  unendlich mehr feiern als das wiederkehrende Leben im Frühjahr. Wir feiern das ewige Leben, zu dem Sie und ich berufen sind, auch wenn wir augenscheinlich nur zu einem Ziel unterwegs sind: Unserem Grab. Das aber ist nicht der Schlusspunkt, sondern Ausgangspunkt für etwas ganz Neues.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein frohes, das Leben erspürendes Osterfest, das Sie schon heute etwas von dem Frühling erfahren lässt, den Gott uns allen schenken wird. Ihnen allen – frohe und gesegnete Ostern – feiern wir gemeinsam das Leben!

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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