Ostern betrifft den ganzen Menschen


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Etwas mit „Leib und Seele“ machen heißt für uns umgangssprachlich: Der ganze Mensch ist an dieser Sache beteiligt; er will etwas unbedingt richtig machen und er ist deshalb mit „Haut und Haaren“, mit allen Fasern seines Körpers, mit der ganzen Tiefe seiner Persönlichkeit, seinem ganzen Temperament und Engagement bei der Sache.

Mit „Leib und Seele“ leben und lieben, das ist letztlich so intensiv, wie auch Jesus das Geschehen beim Letzten Abendmahl ausdrücken wollte, als er sagte: „Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird. Das ist mein Blut, das für euch vergossen wird.“ Das hat nichts mit Fleisch und Knochen zu tun, sondern da geht es um die ganze Persönlichkeit, wie es auch an Ostern um den ganzen Christus geht. Nicht um eine Illusion, nicht um eine Einbildung und auch nicht um ein Phantom.

Wenn wir an Ostern die „Auferstehung des Leibes“ feiern und uns Gedanken darüber machen, wie wir uns das vorstellen können, dann kommen wir aber mit eben dieser unserer Vorstellungskraft relativ schnell auch an unsere Grenzen. Warum? Weil wir ganz automatisch an unserem Körper, an Fleisch und Blut hängen bleiben. Dabei meint „Leib“ weit mehr als nur unsere Körperlichkeit; auch weit mehr als nur den biologischen Organismus, der an sein unwiderrufliches Ende kommt, wie wir alle wissen und beim Tod eines geliebten Menschen immer wieder erfahren. Vielleicht helfen uns ein paar Beispiele weiter, wie das zu verstehen ist: Warum haben wir z.B. so viel Ehrfurcht vor dem zerfurchten Gesicht eines alten Menschen? Warum sind die Augen eines Kindes für uns so beglückend? Warum können unsere Hände als zärtlich, ja sogar als heilend erfahren werden? Und warum können wir andererseits schon in unserem Leib die Unzufriedenheit oder auch die Verlogenheit eines Menschen entdecken? Weil wir in diesen Wahrnehmungen eben weit mehr sehen als „nur“ einen Körper und dessen vordergründige Ausdrucksformen. Weil wir dabei tiefer sehen – und deshalb genau solche Wahrnehmungen entdecken.

Genau um dieses Mehr „als nur ein Körper“, um diesen Leib des Menschen geht es bei der Feier der Eucharistie genauso wie bei der Auferweckung der Toten. Beides feiern wir in diesen vor und an Ostern selbst. Dabei muss uns bewusst sein, dass der „Leib“ mehr unsere Erdverbundenheit beschreibt und die „Seele“ mehr unsere Gottoffenheit. Aber beides gehört untrennbar zu uns, weil wir Leib und Seele sind. Nur mit beiden sind wir „ganz“ – und deshalb muss auch das Ganze auferstehen. Der ganze Mensch.

Aber wie bitte schön, muss man sich das vorstellen? Der Jesuit Medard Kehl erläutert dieses an sich unbegreifliche Geschehen an der dreifachen Bedeutung des Wortes „aufheben“. Aufheben heißt ja zu­nächst einmal nichts anderes als bewahren. Dann verstehen wir unter aufheben auch noch außer Kraft setzen und schließlich kann es auch noch emporheben oder hochheben meinen.

Wenn man nun unter dieser dreifachen Wortbedeutung die Auferstehung betrachtet, dann heißt und meint sie letztlich nichts anderes als:

1.) Alles wird bewahrt, was aus unserem Leben für die Gemeinschaft mit Gott und im Miteinander der Menschen im Reich Gottes wichtig ist und wichtig bleibt. Also alles, was von uns aus in Liebe getan oder auch erlitten wurde. Darin liegt auch der Zusammenhang zwischen unserer und der neuen Welt: Nichts geht verloren, was an uns – an Ihnen und mir – gut und wertvoll war und ist. Es behält ja schon in der vergänglichen Welt seine Bedeutung, und im Reich Gottes erst recht.

2.) Was nicht in die endgültige Versöhnung mit Gott hineingenommen werden kann, das wird von ihm außer Kraft gesetzt. Das bedeutet: Die Schmerzen sind ausgestanden, Krankheiten und Tod überwunden, Feindschaften sind begraben und Hass ist überwunden. Die Schuld wird zwar nicht annulliert, aber die Vergebung bewirkt, dass wir uns und andere annehmen und mit ihnen leben können. Nicht nur in Toleranz und gegenseitiger Duldung, sondern in Frieden.

3.) Alles, was wir an Früchten unseres Lebens mitbringen, wird hochgehoben. Die guten Seiten unseres Lebens, angefangen von Lust über Leistung bis hin zum Leid bekommen ihren Mehrwert. D.h., unser Leben wird vollendet und das ist weit mehr als das dürftige Resultat unseres Lebens hier auf Erden. Vollendung meint: Es gibt nichts mehr auszusetzen, sondern unser Leben erfüllt sich mit tiefem Glück.

Wenn der ganze Mensch in seinem Tod mit Leib und Seele in das Leben Gottes aufgehoben wird, dann bin ich sicher, ist das bereits unsere Auferstehung. Oder wie sagte mal ein Pfarrer zu einem Christen, nachdem dieser zu ihm gesagt hatte: „Sie haben so schön gepredigt, aber verstehen kann ich das alles nicht.“ Er sagte zu ihm: „Wenn das Ich stirbt, dann sterben alle Fragen und Probleme mit. Wo das Ich nicht ist, ist Liebe. Und wo die Liebe ist, da ist Gott.“

In diesem Sinne wünsche ich uns allen, dass wir die drei wichtigsten Tage unseres Glaubens in tiefem Vertrauen auf den feiern, dessen Leben, dessen Tod und dessen Auferstehung auch für uns ein Leben in Fülle bereit halten wird. Ihnen allen ein frohes und gesegnetes Osterfest!!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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