Nur das Beste wollen


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Ich glaube, da stimmen Sie mir doch unbenommen zu, wenn ich sage: Eltern wollen für ihre Kinder – in aller Regel – immer nur das Beste. Allerdings ist das manchmal gar nicht so einfach.

Es kommt Ihnen jetzt der Gedanke: Wann? Ich behaupte hier an dieser Stelle mal: Spätestens dann, wenn es an das Verteilen des Erbes geht. An diesem Punkt – vielleicht mussten Sie das ja selbst schon schmerzlich erfahren – da kann es sogar mitunter richtig schwierig und mehr als problematisch werden. Doch ich kann Sie beruhigen: An diesem Punkt geht es vielen so. Ja selbst die Bibel weiß von einer solchen Problematik zu berichten und erwähnt folgende turbulente Familiengeschichte: 

Diese beginnt damit, dass ein alter Herr daran geht, sein Haus zu bestellen und über seine Nachfolge nachzudenken. Wer kriegt den Hof? Wer das Ersparte? Wer kann mein Lebenswerk in meinem Sinne würdig fortsetzen? Ja, ich denke, so wie vielleicht uns solche Gedanken beschäftigen, so wird sich damals auch Isaak gefragt haben. Schließlich will es ja wohl überlegt sein, wenn man den Stab in jüngere Hände weitergibt. Besser wäre es allerdings gewesen, wenn Isaak das zusammen mit seiner Frau Rebekka getan hätte. Denn die beiden waren sich wegen ihrer Kinder nie so ganz einig. Isaak hielt es eher mit dem Ältesten, dem robusten Rotschopf Esau und Rebekkas Herz schlug für den Jüngeren, für den häuslichen Jakob. Isaak wollte, dass Esau alles bekommt, Rebekka dagegen wollte, dass Jakob das Erbe antritt. Allerdings musste sie bald einsehen, dass gegen einen Patriarchen wie Isaak kaum anzukommen war.

Von daher verstehe ich es gut, wenn eine Frau zu einer List greift und mit weiblicher Schläue dem männlichen Dickschädel entgegentritt. Sie tut es nicht für sich, sondern um für den Kleinen doch noch das herauszuholen, wozu er nach ihrer, nach Rebekkas Überzeugung, von Gott bestimmt war. Und so hatte sie folgende clevere Idee: „Jakob, geh du hin und gib dich für Esau aus, dann segnet Papa dich!“ – „Und was, wenn er’s merkt?“ – „Lass nur, ich mach das schon!“ Weil Rebekka um die schlechte Sehkraft ihres Mannes wusste, ist es ihr also auf diese Weise gelungen, dass ihr betagter Mann Isaak unwissentlich statt den älteren den jüngeren Sohn segnet. Damit aber ging das elterliche Erbe an Jakob; Esau dagegen wurde mehr schlecht als recht abgefunden. Und nun?

Normalerweise wollen Eltern doch immer nur das Beste für ihre Kinder. Aber auch Eltern sind Menschen, haben ihre Träume und Wünsche und bestimmte Vorstellungen, wie es weitergehen soll. Und genau mit dieser Sichtweise richten sie manchmal das größte Durcheinander an! Es ist nur gut, dass auch Gott das sieht: Wo es Zank und Streit gibt und sich die Geschwister um Haus und Konto schlagen, da weiß Gott bestimmt, dass er hier besonders gut achtgeben muss. Zumindest hoffe ich darauf, denn ich habe schon manche Familien erlebt, die es ganz gut machen wollten und am Ende daran kaputtgegangen sind. Mich stimmt das zuversichtlich, wenn die Bibel mich daran erinnert, dass auch bei solchen Familiengeschichten Gott seine segnende Hand im Spiel hat. Wie ein himmlischer Vater ist Gott, der für seine Kinder das Beste vorhat – ja, darauf hoffe ich!

Was sollte das nun für ein Segen sein, den Rebekka sich zusammen mit ihrem Jüngsten von dem alten Isaak erschlichen hatte! Jakob hatte zwar, was er wollte, er war gewissermaßen der Alleinerbe des elterlichen Gutes, aber dadurch hatte er auch den Vater und den Bruder gegen sich – und war fortan: der große Betrüger! Das hatte er nun davon – und musste irgendwie damit leben!

Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr erstaunt es mich, dass Gott sich ausgerechnet diesen Jakob ausgesucht hat, um seine Segensgeschichte fortzuschreiben. Ausgerechnet so ein Schlitzohr, als ob es nicht schon genügend Schlitzohren auf dieser Welt gäbe, die mit List und Tücke das Beste für sich herausholen wollen! Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass Gott so einem unfairen Verhalten auch noch Vorschub leisten möchte. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass Gott die Schlitzohren in seine Schule nimmt, um ihnen zu zeigen, wo‘s lang gehen soll. 

Ja, Jakob, der Betrüger, der hat bei Gott eine harte Schule mitgemacht, der musste in die Fremde und ganz bei null anfangen, der musste am eigenen Leibe erfahren, wie es ist, betrogen zu werden, der hat am Ende darum gebettelt und gerungen, dass Gott ihn segnet und es gut macht. Und erst dann konnte es gut werden. Er selber konnte gütig werden. Am Ende konnte Jakob zu seinem Bruder Esau gehen und sich wieder mit ihm versöhnen. 

Deshalb stimmt mich diese Geschichte so hoffnungsvoll. Sie zeigt mir, dass Gott auch noch auf Abwegen und Umwegen seinen Segen wirksam werden lässt. Wie heißt es so schön: Gott schreibt auf krummen Linien gerade. Das heißt doch: Gott weiß auch etwas Gutes aus dem zu machen, was bei uns schiefläuft und wo es unfair zugeht. Mich bewegt es immer wieder, was Dietrich Bonhoeffer dazu gesagt hat: „Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden als mit unseren vermeintlichen Guttaten.“ Dietrich Bonhoeffer hat das gesagt, als es in unserem Land wirklich schlecht und mehr als ungerecht zuging! Und mit diesem Gottvertrauen hat er die Kraft gefunden, sich einzusetzen und sich dem Bösen zu widersetzen.

Ja, ich möchte darauf vertrauen, dass Gottes Segen wirkt, der Segen des Vaters, der das Beste will, auch wenn er manchmal erst auf Um- und Abwegen zum Ziel kommt!

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und Residentenseelsorger




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