Nikolaus – ein Hauch von Weihnachten


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Der heilige Nikolaus – nicht der Weihnachtsmann – gehört zweifellos zu den ganz wichtigen Figuren der Adventszeit. Der Mann aus dem Süden (also ohne Rentierschlitten) ist quasi ein „Heiliger der ungeteilten Christenheit“, der sich vielleicht am besten als Patron Ost- und Westeuropas, sogar als Brückenfigur zwischen der Türkei und Europa eignet!

Deshalb sollten wir ihn uns auch nicht zu sehr vermummt vorstellen, Furcht einflößend und mit Rauschebart, sondern vielmehr als einen, der „Gesicht zeigt“, der erkenntlich ist und der für die Erkenntlichkeit des Evangeliums steht.

Es lohnt sich „dahinter zu kommen“, wer er ist. Nicht um ihn zu entlarven und zu demaskieren, sondern um ihm näherzukommen und die Faszination zu verstehen, die von ihm ausgeht. Viel Wunderbares wird von ihm erzählt, beinahe zu viel. Aber er will eben nicht spurlos kommen und gehen. Wenn Nikolaus kommt, dann riecht es gewissermaßen nach Weihnachten. Er will durch sein Tun – ähnlich wie Johannes der Täufer – Gott die Wege bereiten in den Herzen derer, die ihm ihr Ohr und ihre Aufmerksamkeit schenken.

Er muss nicht anklopfen, sich nicht vorstellen. Ihn kennt jedes Kind! Noch! Wenn er kommt, dann beherrscht er die Szene, steht auf einmal Platz greifend mitten im Raum, mitten im Leben, mitten in meinem ahnungslosen, unaufgeräumten Innenleben. Nikolaus kommt und will Ordnung bringen, ungefragt, ungebeten. Geduldig bringt er sich Jahr für Jahr in Erinnerung, gibt nicht auf, uns zu besuchen, geht uns vielleicht auf die Nerven mit seiner penetranten Hartnäckigkeit, fragt mich nach dem, was ich mit meinen Talenten gemacht habe, ob ich sie gut angelegt und sinnvoll investiert habe. Oder habe ich sie falsch investiert? Nikolaus ist die lebendige Frage, die mir Gott einmal stellen wird: Lebe ich fruchtbar, wachsam in den Augen Gottes?

Der Nothelfer kommt von weit her, sowohl räumlich als auch zeitlich, er kommt aus einem Teil des Mittelmeerraums, aus Myra in Kleinasien, wo es jetzt im Dezember noch warm ist, 70 km südlich von Antalya. Und weil er von ferne kommt, erinnert er uns an eine noch nicht erreichbare Einheit mit der Kirche des Ostens, in der er auch verehrt wird. Es gab ihn ja wirklich: diesen Nikolaos, zwischen 280 (geboren in Patrara) und gestorben in Myra um 345 oder 351.

Er gehörte zu den Menschen, die das Volk Gottes „schwer beeindruckt“ haben. Er kommt nicht als Witzfigur, nicht als komödiantischer Spaßmacher, Dienstleister und harmloser Geschenke-Bringer, er kommt als himmlischer Helfer und Schenker. Mit ihm kommt die Wahrheit Gottes hinein in ein Leben, das auch von Lüge und Zweideutigkeit durchsetzt ist. Er kommt als Sieger über das Volk (denn das steckt in seinem Namen Nikolaos: „Sieg über das Volk“, Sieger über alles Gemeine, Böse und Schmuddelige). Er feiert den Sieg mit seinem glaubwürdigen Leben: Als Retter vor dem Ertrinken, als Ernährer, der Arme bewahrt vor dem Verhungern; als Kinderfreund, der drei Mädchen durch das Geschenk dreier ins Fenster geworfener Goldklumpen mit dieser gespendeten Aussteuer vor der Prostitution bewahrt. Nikolaus ist Schlichter vor der vorschnellen Aburteilung. Er ist Totenerwecker dreier eingepökelter Studenten und Retter vor dem ewigen Tod. Er ist der, der Menschen zurückholt aus der Verlorenheit und in den sicheren Hafen hineingeleitet.

Er kündet als Gabenbringer auf seine Weise von der „unbegrenzten Kreditwürdigkeit“ des Menschen, also von einer Güte, die nicht von dieser Welt ist, von einer Großzügigkeit und Lebensrettung, die einfach himmlisch ist. Einer, der teilt und austeilt, vermehrt und schweigt und zur rechten Zeit spricht; einer, der es wagt, sich dem Unrecht in den Weg zu stellen, wenn ein Mensch falsch beschuldigt wird.

Nikolaus bringt also einen „Vorgeschmack“ oder auch „Nachgeschmack“ auf Jesus Christus. Er tut Gutes, ohne dabei selbst erkannt zu werden; er lässt sich nicht fotografieren beim Retten und Spenden. Das macht ihn groß in einer Welt, die oft bloß zuschaut und wegschaut angesichts der Not des Alleinseins, des Sich-überflüssig-Fühlens, des Nicht-mehr-gebraucht-Werdens.

Um so erfinderisch zu sein, dazu braucht man kein Patentamt. Das, was Nikolaus tat, war nicht übermenschlich; vielleicht wird er deshalb so geliebt. Darum ist er mehr als der große Gabenbringer, er bringt gerade noch rechtzeitig die Frage mit, welche guten Vorsätze ich mir gegeben habe in der Adventszeit. Nikolaus ist ja kein Märtyrer mit heroischen Tugenden, er ließ sich nicht für Christus quälen wie die Blutzeugen Andreas, Barbara und Katharina. Nikolaos ist Bekenner wie der heilige Bischof Martin. Nikolaus strahlt Alltagsgüte aus, also: Zivilcourage, Rückgrat, er besaß den streitbaren Mut zur Einmischung, zum Schlichterspruch, zur Verschwiegenheit …

Was kann man Schöneres sagen, als das: Dieser Mensch wagt den aufrechten Gang, von ihm geht Gottes Glanz und Menschenfreundlichkeit aus …?! Mögen er und die Tage des Advents uns die Gabe verleihen, das die Not Wendende zu sehen und auch zu tun: für die da zu sein, bei denen es lichterloh „brennt“.

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger




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