Natürlich gefährlich: Invasive Pflanzen bedrohen kanarische Lebensräume


© Michael von Levetzow

Die Grenze ist klar erkennbar am Roque de Pedro Álvarez, auch ohne das Eingangsschild zum Parque Rural de Anaga am Rand der Straße, die hinauf nach Cruz del Carmen führt. Auf dem Gebiet des jüngst zum UNESCO-Biosphären-Reservat erklärten Naturparks wächst dichter Lorbeerwald. Außerhalb davon, in Richtung auf das Dorf Pedro Álvarez, stehen nur einzelne Bäume und Büsche als kümmerliche Reste, die im vergangenen Jahrtausend die Abholzungen und Beweidungen überstanden haben. Der Wald sei dort degradiert, verarmt, stellen die Biologen fest, die dort zusammen mit den Professoren Wolfredo Wildpret de la Torre und Victoria Martín Osorio von der Universität La Laguna die Lage betrachten. Mit genügend Zeit könnte sich das wieder erholen, könnte dort wieder ein respektabler Wald aufwachsen. Wird aber nicht, hier nicht und auch nicht an anderen entsprechenden Orten der Insel. Die Fachleute sind seit Langem schon besorgt; Regierungsstellen teilen diese Besorgnis.

Der Grund dieser Besorgtheit ist hier auf dem Berghang augenscheinlich und direkt mit den Händen zu greifen. Massenweise wachsen dort Opuntien (Tunera) und Agaven (Pitera) und färben den Hang freundlich grün. Die eigentlich erkrankte Landschaft erscheint von strotzender Vitalität. Vielerorts sieht die Insel so aus, dass man dieses Bild für völlig normal hält. Was ist hier los?

Opuntien und Agaven sind Neuankömmlinge, Neophyten. Das ist an sich nichts Schlimmes. Alle Pflanzenarten waren bei ihrer Ankunft hier Neophyten, egal ob das Ereignis vor drei Millionen oder nur vor 300 Jahren stattgefunden hat. Im Laufe der Inselentwicklung ist es Tausenden von Arten gelungen, hier Fuß zu fassen, zu überleben und sich unabhängig von ihrer ursprünglichen Verwandtschaft auf einem anderen Kontinent hier zu neuen Arten zu entwickeln. Die Kanarischen Inseln und insbesondere das Anaga-Gebirge erhielten so ihren einzigartigen Artenreichtum. Um höchste Biodiversität zu betrachten, müssen wir keine TV-Sendungen über Regenwälder anschauen. Einer der bedeutendsten biologischen Hotspots der Erde befindet sich hier direkt vor unserer Haustür. Neuankömmlinge wie die prächtige Eiche, die auch auf dem degradierten Hang wächst, können diesen Reichtum noch vergrößern. Im Gefüge des Lorbeerwaldes spielen sie aber keine Rolle. Sie können sich nur selten einmal gegen die anderen Baumarten behaupten. 

Dass es auch anders geht, offenbart der Blick auf den gegenüber liegenden Berghang, der schon zum Park gehört und dicht bewaldet ist. Mitten darin steht eine Gruppe von Eukalyptusbäumen. Sie sind längst wesentlich größer als die Bäume der Laurisilva. Auch sie sind Neophyten. Anders als die einsame Eiche können sie sich nicht nur gegenüber den Baumarten des Lorbeerwaldes gut behaupten, sie wachsen dort sogar besser und nehmen den angestammten Arten Licht und Wasser weg. So breiten sie sich aus und verdrängen den weltweit einzigartigen Lorbeerwald, der hier seit Millionen von Jahren überleben konnte.

Eukalyptus verdrängt den Lorbeerwald; Opuntien und Agaven lassen ihn nicht in sein angestammtes Gebiet zurückkehren. Neophyten, die auf Kosten der angestammten Pflanzengesellschaften das Landschaftsbild verändern, bezeichnet man als invasiv. Sie gelten mittlerweile als Problempflanzen. In der Regel wurden sie von Menschen eingeführt. Die aus Amerika stammenden Opuntien sollten als Futter für die Ziegen dienen. Später wurden sie zur Zucht der Cochenilla-Laus zusätzlich gefördert. Als dieser Wirtschaftszweig zusammenbrach, wurden sie sich selbst überlassen. Mit der Aufgabe großer Ackerbauflächen erhielten sie reichlich Areal, sich weiter auszubreiten. Ähnlich war es mit den Agaven. Ursprünglich als Begrenzungs- und Zierpflanzen oder zur Herstellung von Pflanzenfasern aus Amerika eingeführt, sind sie längst den Gärten entkommen. Wo sie wachsen, kann nichts anderes gedeihen. Galicische Mönche brachten Eukalyptus aus Australien in die Dörfer ihrer Heimat. An den Dorfstraßen angepflanzt, sollten sie die Luft verbessern und das Leben gesünder machen. Bestimmt keine schlechte Idee, wenn die Misthaufen direkt neben den Häusern aufgeschichtet waren und es keine Kanalisation, aber jede Menge schlechter Luft und krankmachender Keime gab. Auf Teneriffa machte man es ihnen einfach nach.

Eigentlich machen die invasiven Neophyten nichts grundsätzlich anders als die angestammten Pflanzen, deren Platz sie nach und nach einnehmen, wenn man ihnen nicht Einhalt bietet: Sie produzieren reichlich Samen. In der richtigen Umgebung keimen dann gerade so viele Nachkommen und wachsen auf, dass die Art sich dort einigermaßen in ihrem Bestand erhält. Das ist so bei allen von Natur aus auf den Inseln vorkommenden Pflanzenarten. In den jeweiligen Lebensräumen halten sich ihre Vermehrungsraten ohne äußere Einwirkungen über große Zeiträume im Gleichgewicht. Bei invasiven Arten fehlt dieses Gleichgewicht. Anders als in ihren Herkunftsgebieten kann unter den für sie besonders günstigen Bedingungen im neuen Lebensraum auf den Inseln eine wesentlich größere Nachkommenschaft aufwachsen. Bis man das feststellt, haben sie sich schon so verbreitet, dass sie kaum noch aufzuhalten sind. Und so konzentrieren sich die Schutzmaßnahmen überwiegend darauf, die Ausbreitung in die noch nicht betroffenen Gebiete zu verhindern. 

Jährlich unterstützt die Europäische Union die Bekämpfung invasiver Arten mit zwölf Milliarden Euro, aber ohne regelmäßiges Engagement freiwilliger Helfer, die kostenlos arbeiten, reichte dieser Betrag bei Weitem nicht aus. Beispielsweise entfernen die Freiwilligen der Asociación Abeque mit Unterstützung der Stadt Buenavista del Norte etwa vierteljährlich im Barranco de Masca das Katzenschwanzgras (Rabogato). Ursprünglich als Zierpflanze aus nordafrikanischen Wüstenregionen eingeführt, lebt es hier in der Trockenbuschzone wie im Schlaraffenland und überwächst alles andere. Tabaiba, Verode, Balo und andere dort heimische Arten sind chancenlos dagegen. Die Helfer arbeiten bei jeder Aktion sehr gründlich, aber zahlreiche Füße von Wanderern schleppen an den Schuhen immer wieder neue Samen in die bekannte Schlucht und erneuern die Bedrohung unabsichtlich. Die benachbarten Barrancos, in denen kaum jemand wandert, sind weitgehend frei von Rabogato.

Viele Invasoren sind sehr robust und kaum mehr zu entfernen. Entfernt man eine Agave, treiben die tief in den Boden reichenden Wurzeln wieder aus. Fällt man einen Eukalyptus, wachsen aus dem Stumpf zahlreiche neue Schösslinge. Ähnlich ist es mit dem als Caña bekannten Pfahlrohr. Einst als bäuerliche Nutzpflanze eingeführt, wächst es die wasserführenden Barrancos nach und nach zu und verdrängt dort die kanarische Weide. Dieser Kanaren-Endemit wird immer seltener. Mäht man die Caña, schlagen ihre Wurzeln wieder aus. Unter den Hunderten durch Menschen eingeführten Pflanzenarten gelten momentan rund neunzig als potenziell invasiv. Das Problem dürfte auf den Inseln eher zu- als abnehmen.

von Michael von Levetzow




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