Nach der Zwangsräumung …


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Berta und Antonio zwischen Verzweiflung und Glück

Nachdem trotz des beispiellosen Einsatzes von Nachbarn, Vertretern der Stadtverwaltung und der Bürgerinitiative Plattform gegen Zwangsräumungen (PAH) das Seniorenpaar Berta und Antonio mit großem Polizeiaufgebot aus ihrem Haus geholt wurden, schien der Kampf um Gerechtigkeit und um einen würdigen Lebensabend für das Ehepaar zunächst verloren.

Das Trauma, welches die beiden Über-Siebzig-Jährigen durch den gewaltsamen Verlust ihres schuldenfreien Hauses allein wegen der falschen Anklage eines Nachbarn, juristischer Verfahrensfehler und durchgehend mangelhafter anwaltlicher Vertretung erlitten haben, ist nachvollziehbarerweise immens.

Zehn Jahre unter dem Damoklesschwert von Gerichtsverfahren und, später, drohender Zwangsräumung haben tiefe Spuren in den Seelen hinterlassen. Die Nachbeben davon erleben die beiden Senioren, die die meiste Zeit über tapfer Haltung bewahren, nun, nachdem das Schlimmste eingetreten ist. Mehrmals musste sogar ein Krankenwagen gerufen werden, weil die nervliche Anspannung auch in körperlichen Zusammenbrüchen zum Ausdruck kam.

Glück im Unglück

Doch Berta und Antonio sind in all ihrem Leid gleich in zweifacher Hinsicht mit ganz und gar außerordentlichen Nachbarn, Freunden und Mitstreitern gesegnet.

Als Berta und Antonio am 19. September ihr Haus verlassen mussten, gab es nichts, wohin sie gehen konnten. Für den Rest des Tages kamen sie im Haus einer Nachbarin von gegenüber unter. Dann ging es in ein Hotel in Puerto de la Cruz, das ein anonymer Spender für zwei Wochen bezahlte, einige weitere Tage finanzierte die Nachbarschaftsinitiative „Yo también vivo en el 102“ aus der schmalen Kampagnenkasse.

Fieberhaft arbeiteten die Unterstützer von Berta und Antonio in dieser Zeit an einer Lösung, damit sie nicht das Schicksal ereilen sollte, „unter der Brücke“ zu landen.

Eine Mietwohnung, welche das Ayuntamiento für ein halbes Jahr zur Verfügung stellen wollte, kam nicht in Frage, weil das Problem dadurch nur hinausgezögert würde.

Und so entschied man sich für einen anderen Weg. Während nämlich der Nachbar zur Linken aus dem Haus Nummer 104 bekanntermaßen dafür gesorgt hatte, dass Berta und Antonio ihr Haus verloren, hatte der Nachbar zur Rechten, aus dem unscheinbaren, alten und kleinen Häuschen Nummer 100 genau das Gegenteil getan. Als dieser nämlich vor Jahren ohne Erben verstarb, vermachte er sein bescheidenes Heim Antonio, vielleicht aus Dankbarkeit für Hilfe, die ihm die Bewohner der 102 in seinen alten Tagen geleistet hatten. Seitdem als Abstellraum genutzt, war das Häuschen alles andere als bezugsfertig, doch wieder einmal beschlossen die Tacoronter Kämpfer, auch nach Kräften unterstützt durch den Bürgermeister Álvaro Dávila und die Mitarbeiter des Ayuntamientos, das Unmögliche möglich zu machen und diese Chance zu nutzen.

In wenig mehr als zwei Wochen setzten freiwillige Helfer das Dach instand, machten Türen gängig, strichen das Gemäuer von innen und außen, bauten ein neues Bad und eine Küche ein (ortsansässige Firmen spendeten die Geräte),

befreiten den zugewucherten Garten vom Unkraut und brachten die Möbel und Sachen der Senioren in das „neue“ Haus, das viel kleiner als ihr eigentliches Heim, aber immerhin ihr eigenes ist. Hier müssen sie erst wieder heraus, wenn sie in ihr Haus Nummer 102 zurückkehren können. Das nämlich ist das erklärte Ziel der beiden und ihrer Unterstützer. Man will nicht aufgeben, bis Gerechtigkeit wieder hergestellt ist.

Ein Zeichen setzen

Die führenden Köpfe der Initiative, Cristián González von „Yo También Vivo en el 102“ und Paco, der Präsident der Nachbarschaftsvereinigung „El Casco“, die das Hauptquartier der Bewegung ist, sind mit mehreren freiwilligen Anwälten im Kontakt, die nochmals mit neuem Blick prüfen, welche weiteren juristischen Register gezogen werden könnten, um die begangenen Fehler zu berichtigen. Verschiedene andere Verhandlungen, die zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht öffentlich gemacht werden, sind im Gange. Es ist noch nicht vorbei.

Beide Männer haben sich unermüdlich eingesetzt, den eigenen Job aufs Spiel gesetzt und ihre Familien vernachlässigt, um möglich zu machen, was bisher erreicht wurde. Für Cristián González weist das Erreichte über das Drama von Berta und Antonio hinaus: „Wir setzen hier ein Zeichen für alle Menschen, dass wir uns selbst helfen können, wenn wir zusammenstehen“.




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