Mut zum Leben machen


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Wer einem anderen Menschen Lebensmut vermitteln kann, der ist in meinen Augen ein Schatz ganz besonderer Güte. Jedenfalls empfinde ich das so.

Wenn ich mal wieder den Kopf mit negativen Gedanken voll habe, oder wenn mir eine Aufgabe über den Kopf zu wachsen scheint und dann jemand kommt, der die richtigen Worte findet und dabei strahlt – dann ist dieser Mensch wie ein großer Schatz für mich. Warum? Weil so etwas in mir dann neues Zutrauen weckt und ich mich in Ruhe dem stellen kann, was mir vorher Sorgen gemacht hat. Doch – ich kann sagen, ein Mensch, der Lebensmut vermittelt, das ist wirklich ein Schatz.

Doch wie wird man so ein Mensch? Worauf kommt es an? Ich weiß von mir selbst, dass es niemandem Mut macht, wenn jemand oberflächlich oder einfach berufsoptimistisch daherredet. So nach dem Motto: „Das wird schon wieder“ – oder – „alles halb so schlimm, das haben andere vor Dir doch auch geschafft!“ Nein, der andere muss auch ernst nehmen, was mir tatsächlich auf der Seele liegt. Einfach nur beiseite wischen wollen, das geht nicht und das wirkt auch nicht. Das gibt höchstens Strohfeuer-Mut für einen kurzen Augenblick – aber mehr eben auch nicht.

Ich glaube eher, belastbaren Lebensmut können am ehesten die Menschen wecken, die selber schon etwas durchgestanden haben und genau daraus neue Kraft zum Leben geschöpft haben. Vor Kurzem bin ich einem solchen Menschen begegnet. Dieser Mann – ich möchte seinen Namen nicht nennen, weil ich nicht weiß, ob er das wollte – arbeitet in einer Behinderteneinrichtung und steht vielen Menschen dort mit Rat und Tat zur Seite. Was er sagt, hilft, weil er die anderen ernst nimmt und dabei aus eigener Erfahrung schöpft. Sein Leben hat ihn nämlich, wie er selbst sagt, diesen Lebensmut gelehrt. Dabei wäre es für mich kein Wunder, wenn es anders wäre. Aber der Mann ist selbst schwer behindert, sieht kaum noch was.  Trotzdem ist er ein erfolgreicher Sportler bei der Behindertenolympiade geworden. Er ist lebensmutig und glücklich, nicht nur trotz, sondern wegen seiner Behinderung. Sie erst hat seinen Mut in das Leben geweckt und gestärkt. Sie hat ihm seine Grenzen gezeigt – welcher Mensch hat solche Grenzen nicht? – und ihn zugleich herausgefordert, genau an diese Grenzen zu gehen. Mit viel Mut und Elan – und genau das will er anderen auch zeigen und vermitteln.

Dass dieser Mann sich trotz seiner Behinderung reich fühlen kann, das verdankt er nach eigener Aussage auch seinem Glauben. Er hilft ihm, sein Leben anzunehmen und so auszuschöpfen, wie es ihm eben möglich ist. Ich für meinen Teil kann nur sagen, einem solchen Menschen begegnen zu dürfen, das ist wirklich ein besonderer Schatz; einen Menschen, durch den man wirklich Gott spüren kann. Wie schreibt der Apostel Paulus an die Christen in Korinth: „In unseren Nöten kommt uns Gott mit Trost und Ermutigung zu Hilfe, und deshalb können wir dann auch anderen Mut machen, die sich ebenfalls in irgendeiner Not befinden.“ So gesehen ist es aber doch gar nicht so schwer, Mut zu machen, wenn konkret Not an der Frau oder am Mann ist. Sich dem anderen intensiv zuwenden, sich fragen und erinnern, was mir selbst Vertrauen, Glauben und Mut gibt; aus Erfahrung reden – all das hilft. Ein Schatz sein im ganz konkreten Alltag und Miteinander – das können Sie und ich auch. Aber kann man Mut grundsätzlich weitergeben? So quasi als Ausstattung fürs Leben?

Ich denke schon. Wenn wir dazu die Firmungs- oder auch Konfirmationsfeiern nehmen, die derzeit noch allüberall in den Gemeinden stattfinden, dann ist das durchaus eine solche Gelegenheit. Zumindest könnten wir sie den jungen Menschen anbieten. Was sie selbst daraus machen und ob unsere Lebensermutigung, die wir ihnen zukommen lassen wirklich aufgeht, das haben wir dann nicht mehr in der Hand. Aber anbieten, was mein Leben trägt, was mein Leben erfüllen kann und was sinnvolle Ziele im Leben sein können, ich denke, das sollten wir bei diesen Feiern durchaus zum Ausdruck bringen. Auch in unseren Geschenken. 

Sicherlich: manche werden jetzt sagen, dass die Jugendlichen dafür doch noch wirklich zu jung wären. Deshalb meine ich, es ist gut, beides zu schenken: Etwas, was einem jungen Menschen Spaß macht und seine Lust am Leben zum Ausdruck bringt und etwas Zweites, quasi etwas auf Vorrat. Ich kann mich noch an ein Buch erinnern, welches ich damals von einer Nachbarin geschenkt bekommen habe und mit dem ich gar nichts anfangen konnte. Vielleicht hat sie mein enttäuschtes Gesicht gesehen, als sie zu mir sagte: „Das musst Du jetzt nicht lesen. Versprich mir nur, dass Du es nicht wegwirfst oder weiterverschenkst, sondern aufbewahrst und irgendwann mal darin liest.“ Es war ein Buch mit einer persönlichen Widmung ihrer Großmutter, und sie wollte es mir einfach weiterschenken. Ich habe es aufbewahrt und Jahre, wirklich Jahre später erst darin gelesen. Ob die damalige Nachbarin da noch gelebt hat, kann ich gar nicht sagen. Aber ich habe das Buch mit großem Interesse gelesen; denn jetzt war der Boden bereitet, und ich konnte was damit anfangen. Manchmal braucht eine Lebensermutigung auch Zeit. Man muss Geduld haben und das Zutrauen, dass der andere den Schatz, den man ihm zeigt, irgendwann auch tatsächlich für sich entdeckt.

Herzlichst Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger




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