Morgenerfahrungen


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Spüren Sie das auch? Jetzt, wo die Tage wieder länger werden, da tut es richtig gut, das Licht am Morgen wahrzunehmen. Ein wunderbarer Moment, wenn es morgens hell wird. In so manch schlafloser Nacht hat man ja das Gefühl, als höre die Dunkelheit nie auf. Man hört und sieht nur noch die Ängste und Sorgen. Sie überfallen einen und man ist dann froh, wenn es Morgen wird und hell um einen herum.

Die Bibel erzählt eine Geschichte von so einer bedrohlich dunklen Nacht und ihren Ängsten und sie erzählt auch, wie es wieder hell geworden ist. In manch dunklen Stunden tröstet sie mich und deshalb möchte ich Sie ihnen gerne weiter erzählen. Es ist die Erzählung, wie Jesus mit seinen Jüngern am Abend in ein Boot steigt, um über den See zu fahren. Manches im Leben ist ja wie so eine Art Überfahrt – und manche Nächte sind es auch. Man weiß, dass manchmal nicht viel da ist, was trägt; trägt wie so ein kleines Boot auf dem offenen See, wenn es hinausgeht in die Nacht. Im Dunkeln ist sowieso jeder allein, muss jede und jeder für sich selber einstehen. Oder man muss ganz eng zusammenrücken, so eng wie jetzt im Boot. Damit man wieder weiß, was eben da ist, was trägt und wer einen hält: Die Menschen, die mir etwas bedeuten, ohne die es mir schwer fiele zu leben. Mein kleines zerbrechliches Glück: Gesundheit, Auskommen, Arbeit.

Das richtige Leben ist manchmal so eine Überfahrt – und Jesus schläft. Zumindest damals schlief er und er schläft sogar weiter, als Sturm aufkommt und die Wellen bedrohlich ins Boot schlagen. Verzweifelt versuchen die Jünger, das Boot zu halten, damit es nicht untergeht. Je mehr sie sich quälen, umso vergeblicher scheint ihre Mühe zu sein. Und Jesus schläft weiter, scheint sich keinen Deut zu kümmern. Nichts ist zu sehen, kein Ausweg, keine Rettung. Bei den Jüngern regiert jetzt nur noch die nackte Angst, die Nacht­angst, die in Panik ausarten kann. Und ER schläft.

In manchen Nächten lastet einem das eine oder andere des Lebens so schwer auf der Seele, dass man auch den Eindruck gewinnen kann, es kümmert sich keiner um einen und die Not, die sich da auftut. Dann fühlt man sich sprichwörtlich „von Gott und der Welt verlassen“. So kann es einem z.B. gehen, wenn man auf einen Befund warten muss. Das sind Tage voller Hoffen und Bangen. Was wird werden? Oder wenn jemand ausgemustert wurde und sich auf Arbeitssuche machen muss. Hab’ ich noch eine Chance in meinem Alter? Oder wenn zwei in ihrer Beziehung ans Ende gekommen sind. Kriegen wir noch einmal die Kurve miteinander und was, wenn nicht? Oder wenn ein Mensch merkt, dass es alleine nicht mehr geht. Sind dann andere da, die mich nicht allein lassen? Niemand kann aussteigen, wenn die Angst vor dem Nichts kommt, vor dem Versinken ins Bodenlose, vor dem Untergehen. Wenn dein Glaube bedroht wird, dein Vertrauen bricht, dass da eben einer da ist und dich hält und trägt. Niemand kann aussteigen, wenn es mal wieder nicht Morgen werden will.

Die Jünger in unserer Geschichte bekommen Angst, weil Jesus schläft. Der, auf den sie alle Hoffnung setzen, er tut nichts und sie befürchten, er habe sie verlassen und ließe sie jetzt in ihren Ängsten untergehen. Deswegen wecken sie ihn und schreien ihm ins Gesicht: „Meister, wach auf, wir ertrinken. Kümmert dich das nicht?“ Immerhin gibt es da wenigstens einen, den sie noch wecken können. „Kümmere dich doch endlich!“ Sie rechnen noch mit ihm, haben ihn noch nicht abgeschrieben. Sie glauben, dass er – vielleicht sogar nur er – noch helfen kann. Wie oft rudern wir in unseren Nächten genau um diese Hoffnung, dass da ein Gott ist, der es gut mit mir meint, gut mit seinen Menschen und dieser Welt?

Die Geschichte erzählt weiter, dass Jesus aufsteht und dem Sturm Ruhe gebietet – und auch der Angst. Er nimmt die Angst nicht fort, aber er stillt sie. Und erst dann stellt er die Frage: „Warum seid ihr so furchtsam? Habt ihr keinen Glauben?“ Es wird still, der Sturm legt sich und der See beruhigt sich. Ein klarer, heller Morgen bricht an. Mir hilft diese Geschichte wie keine andere in dunklen Zeiten. Weil ich der Ansicht bin, dass man solche Nächte nicht vergisst und auch nicht die Rettung, die man womöglich erst viel später erkennt und versteht. Dass von irgendwo her doch die Kraft gekommen ist, das zu tragen, was einem aufgeladen wurde. Dass man doch einen Weg gezeigt bekam, wo nur Hindernisse die Sicht verstellten. Dass das Vertrauen in Gott blieb, auch wenn es im Leben anders kam, als man es sich wünschte. Auch wenn es einem vorkam, als ob Gott schlafen und sich um meine Not nicht kümmern würde. Nein, es wurde wieder Morgen. Gott sei Dank! Die Stille nach dem Sturm, das Licht am Morgen. Die geglückte Überfahrt.

Ich wünsche Ihnen nach­träglich für 2008 viele solcher schönen und beruhigenden Morgenerfahrungen!!!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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