Möge uns dieses neue Jahr nützen


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Jedem Anfang wohnt bekanntlich ein Zauber inne. Das neue Jahr, das ja nun erst wenige Tage alt ist, enthält auch einen solchen Zauber – einen Zauber, der fasziniert und doch auch ängstigt. Irgendwie ist es doch eigenartig: Der Übergang von einem zum anderen Jahr löst in uns Menschen ganz unterschiedliche und scheinbar sich widersprechende Empfindungen aus – freudige Erwartung und Hoffnung ebenso, wie Nachdenklichkeit und Rührseligkeit.

Gewiss, vieles wird auch in diesem Jahr wieder seinen Lauf nehmen, ohne dass ich etwas dazu beitrage. Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Die Monate werden kommen und gehen; es wird Regen geben und Sonnenschein. Und das ganz ohne mein Zutun. Es ist tröstlich zu wissen, dass darauf Verlass ist. Bei mir selbst wird auch vieles einfach so weiterlaufen wie bisher – privat und beruflich. Aber es wird vielleicht auch Überraschendes geben: Unvorhergesehenes, mit dem ich nicht gerechnet habe; Situationen, die ich nicht in der Hand habe; beängstigende Situationen, die trotz Lebensversicherung, Bausparvertrag und vorsichtigster Kalkulation nicht in den Griff zu kriegen sind; Ereignisse, die meine Lebensplanung abrupt durcheinanderbringen. Und ich spüre bereits heute – da ich diesen Artikel schreibe – dass sich das Jahr nicht ganz vorausplanen lässt; schließlich hängt vieles ja nicht allein von mir selbst ab. Wie das neue Jahr sein wird, es bleibt im Augenblick noch recht ungewiss.

Solche Übergänge sind deshalb immer auch recht heikle Zeiten. Denn sie bedeuten, das eine loslassen, ohne das andere schon zu kennen, geschweige denn dieses andere bereits im Griff zu haben. Nicht von ungefähr heißt der erste Monat des Jahres „Januar“. Die alten Römer hatten ihn dem Gott Janus geweiht, dem Gott mit dem doppelten Gesicht, der hellen und der finsteren Miene. Und so fragten die Menschen damals am Anfang eines neuen Jahres, was Menschen auch heute immer noch fragen: Welches Gesicht wird er mir dieses Jahr zeigen – das freundliche oder das düstere? Bleibe ich gesund oder werde ich krank? Werde ich meinen Arbeitsplatz behalten oder muss ich am Ende einen anderen suchen? Wird die Eurokrise wirklich gelöst oder stehen wir am Ende vor dem größten finanziellen Scherbenhaufen, den man sich denken kann? Bleiben die meisten Landstriche dieser Erde friedlich oder tun sich ganz neue Konfliktherde auf? Die Römer glaubten noch, dass Unglück und düsteres Geschick eines Jahres durch Lärm und Krach, Rauch und Feuer abzuwenden sei. Wenn das denn wirklich wahr wäre, dann würde ich mich vehement an der Knallerei zu Silvester beteiligen. Aber ich bin da eher skeptisch.

Ich halte mich da doch eher an das, was ich auch am Neujahrstag in San Telmo gesagt habe: „Prosit Neujahr!“ Das heißt ja – übersetzt aus dem Lateinischen – nichts anderes als: „Es möge dir nützen!“ Das ist für mich ein guter, ein liebenswürdiger Wunsch zum Jahresbeginn. Und manche unterstreichen diesen Wunsch noch mit einem Glücksbringer. Ich selbst hab auch zwei Schokoladen-Euro und ein Glücksschwein geschenkt bekommen. Ob das dem Glück nun wirklich auf die Sprünge hilft, das sei mal dahingestellt. Aber es sind nette Zeichen, die sichtbar unterstreichen, dass mir jemand Glück für dieses neue Jahr wünscht. Ich weiß dabei sehr wohl, dass die Vorstellung von dem, was Glück ist, immer auch von der eigenen Lebenssituation abhängig ist. „Ich wünsch‘ dir ein gutes neues Jahr und viel Glück!“ Was immer es auch sei, das sich hinter diesem Wunsch verbirgt, ich meine, er bewirkt etwas, wenn er von Herzen kommt.

Und wir Christen müssten diesbezüglich ja nun wirklich Spezialisten sein. Denn anderen Gutes wünschen, das ist doch etwas, das unter uns Christen immer wieder eine wichtige Rolle spielt. Vor allem immer dann, wenn Menschen gesegnet werden. Segnen heißt nichts anderes als „Gutes sagen“. Und so möchte ich zu Beginn dieses neuen Jahres auch auf den Segen Gottes nicht verzichten. Diesen Segen wünsche ich aber auch Ihnen allen und den Menschen, denen Sie in den kommenden Wochen und Monaten begegnen. Es ist der Segen Gottes, der uns durch Aaron, den Bruder des Mose, so überliefert ist: „Der Herr segne dich und behüte dich! Der Herr lasse sein Angesicht über dir leuchten und sei dir gnädig! Der Herr wende dir sein Angesicht zu und schenke dir Frieden!“

Sicherlich: Dieser Segen Gottes ist nun kein Freifahrtschein für eine glatte Lebensfahrt ohne Wind und Wellen in diesem neuen Jahr. Er ist auch keine Beschwörungsformel, um von Kummer und Leid verschont zu bleiben. Aber der Mensch, dem Gott seinen Segen schenkt, soll wissen, dass er zu ihm steht, was immer auch kommen mag. Und dieser Segen möge Sie alle in diesem Jahr 2012 begleiten. Das ist mein Herzenswunsch für Sie.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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