Leben am seidenen Faden


© Cab. El Hierro

Gleitschirmflieger hing stundenlang in den Stromkabeln

Über drei Stunden lang musste ein verunglückter Gleitschirmflieger sich an den Kabeln einer Hochspannungsleitung festhalten, bevor er gerettet werden konnte. Offenbar hatte ein plötzlich drehender Wind seine Flugrichtung beeinflusst, sodass ihm die Hochspannungsleitung in die Quere kam.

Der in den Stromkabeln verhedderte Gleitschirm und der sich daran festklammernde Mann sorgten auf der Straße zwischen Bajamar und Punta del Hidalgo für Aufregung. Feuerwehr, eine mobile Einheit des Katastrophenschutzes der Regionalregierung, Polizei und Krankenwagen wurden angefordert und bemühten sich um die Bergung des zum Glück nur leichtverletzten Mannes. Zunächst wurde ein Rettungsversuch per Helikopter aus der Luft unternommen, der jedoch wegen der herrschenden Windverhältnisse fehlschlug. Auch die 30 Meter lange Leiter eines Feuerwehrwagens reichte nicht aus, um den Verunglückten zu erreichen. Schließlich gelang die Bergung mit einem Schwerlastkran der Firma Bony, der mit einem 50-Meter-Teleskopausleger ausgestattet ist. 

Dabei ist Alejandro aus Punta del Hidalgo keinesfalls ein unerfahrener Flieger und passt somit nicht in das Klischee der unvorsichtigen und wenig erfahrenen Gleitschirmflieger, die sich durch Fahrlässigkeit in Gefahr bringen. Nachdem der Schrecken überwunden und die Blessuren verarztet waren, erklärte er der Presse gegenüber, dass er dieses Fluggebiet gut kenne: „Ich bin schon etwa fünfzigmal hier geflogen. Der Nachmittag war ideal, die Windverhältnisse die richtigen. Ich befand mich in angemessenem Abstand, doch der Wind drehte unvermittelt und trieb mich gegen die Kabel. Es ging alles ganz schnell“.

Die Stunden danach waren für Alejandro die reinste Tortur. Er war darauf angewiesen, sich mit Händen und Füßen an den Kabeln festzuhalten, um nicht in die Tiefe zu stürzen. Mit der Zeit litt er an Krämpfen, und die nachlassende Kraft ließ ihn immer wieder befürchten, es nicht mehr zu schaffen. Schließlich half ihm der Zuspruch eines Feuerwehrmannes, der sich an der Spitze der ausgefahrenen Leiter positionierte. Dank seiner mutmachenden Worte habe er wieder die Kraft gefunden, um durchzuhalten, berichtet Alejandro. Dabei habe er aus seiner verzweifelten Lage die Rettungsaktion jederzeit beobachten können und sich immer wieder gefragt, warum alles so lange dauert. Im Nachhinein sei er natürlich sehr froh, dass alles glimpflich ausgegangen sei. Er frage sich jedoch, warum nicht von Anfang an der Kranwagen von Bony angefordert wurde…

Der Gleitschirm-Unfall wurde vom TV auch auf nationaler Ebene dokumentiert und hat die Gefahren dieser Sportart und die Risiken komplizierter Bergungen wieder in den Vordergrund gerückt. Seit 1. Juli 2012 müssen Risikosportler die Kosten eventueller Rettungseinsätze selbst tragen.

Touristen handeln oft fahrlässig

Zu den Risikosportarten zählt auch das Gleitschirmfliegen, und auch Alejandro wird ein Verfahren nicht erspart bleiben. Dass er nicht fahrlässig handelte, spielt dabei keine Rolle, denn in diesem Fall reicht allein die Sportart aus, um ihn für die Rettungsaktion verantwortlich zu machen. Zum Glück ist Alejandro versichert.

Der Unfall von Alejandro zeigt, dass Gleitschirmfliegen auch für Profis und Kenner der Umgebung gefährlich sein kann. Dennoch ereignen sich die meisten Unfälle in diesem Sport auf den Kanarischen Inseln durch Unkenntnis und mangelnde Erfahrung der Flieger. Zumeist sind es Touristen, die das Gleitschirmflieger-Paradies Canarias erkunden und einfach zu wenig über die Besonderheiten der Wind- und Wetterverhältnisse in den bergigen und durch tiefe Schluchten zerklüfteten Inseln wissen.

Ende Februar dieses Jahres verunglückten auf verschiedenen Inseln des kanarischen Archipels drei Urlauber beim Paragliding. Sie kamen zum Glück alle mit dem Schrecken davon.

Einheimische Gleitschirmflieger monieren, dass sich viele Urlauber durch fehlende Vorschriften und Übermut in Gefahr bringen. „Während in Zentraleuropa durch strenge Vorschriften geregelt wird, welche Startplätze je nach Fliegerniveau infrage kommen, starten hier viele von Plätzen aus, die für ihre Flugkenntnisse zu gefährlich sind und unterschätzen die Risiken“, moniert ein Mitglied des regionalen Paraglider-Verbands. Dieser fordert bereits seit Längerem eine gesetzliche Regelung.




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