Langer Atem


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

„Hol mal tief Luft! Dazu brauchst du einen langen Atem!“ So oder ähnlich wird manchen Mut gemacht, die vor einer Herausforderung stehen, welche Geduld und Durchhaltevermögen erfordert. Auch wenn die Belastung selbst, die da ansteht, überhaupt keine ist, die einen nun groß außer Puste bringen könnte.

Aber wir verstehen solche Vergleiche: Der Atem als ein Bild für die Energie, die in uns steckt, die uns ganz automatisch zufließt – obwohl wir gar nicht wissen woher. Und weil wir alle atmen, ist dieses Bild letztlich für uns auch so leicht verständlich.

Andererseits gibt es da aber auch immer wieder Tage, an denen wir furchtbar kurzatmig sind, so richtig saft- und kraftlos; Tage, an denen uns die einfachsten Dinge nur schwer von der Hand gehen. Ausdauersportler beschreiben in diesem Zusammenhang das Phänomen des „zweiten Atems“: Eine Energie, die ihnen zufliegt, während sie auf einer solchen Durststrecke gerade mit dem Aufgeben kämpfen. Und dann geht es – wider Erwarten – eben doch. Auch diese Erfahrung dürfte die eine oder der andere von Ihnen schon real oder auch im übertragenen Sinne gemacht haben. Deshalb ist der „zweite Atem“ oder auch der „lange Atem“ schon sprichwörtlich geworden.

Vielleicht ist es mit den Jüngern Jesu ja auch so gegangen. Sie waren begeistert mit Jesus unterwegs, schmiedeten Pläne für die Zukunft, wollten die Welt verändern – und dann? Mit dem Tod Jesu schien alles aus zu sein. Was sollten sie denn jetzt noch tun? Sie kehrten in ihre alte Welt zurück, weil ihnen am Kreuz der Atem gestockt hat. Jetzt standen sie wieder am Anfang und es trieb sie die Frage um: War alles umsonst?

Diese Frage stellt sich immer wieder in unserem Leben. Denn es kommt wohl kein Mensch ohne die Erfahrung des Scheiterns davon: Pläne, die sich nicht verwirklichen lassen; Freundschaften, Beziehungen, Ehen, die in die Brüche gehen… und irgendwie denkt man dann: Könnte ich doch noch einmal von vorn anfangen; warum habe ich mich darauf überhaupt eingelassen… Wir sehen leere Netze und keinen Erfolg in den eigenen Bemühungen.

An diesem Punkt im Leben der Jünger hätte eigentlich schon alles aus sein können. Sie wären nicht nur in ihre alten Berufe zurückgekehrt, sondern auch dort geblieben. Die Mission Jesu wäre gescheitert und uns Christen hätte es nie gegeben. Aber da ist etwas geschehen, das den Jüngerinnen und Jüngern den „zweiten Atem“ gegeben hat, neuen Lebensmut; die Kraft sich aufzumachen und wider besseres Wissen oder wider allem Augenschein aufzubrechen.

Der zweite Atem, das waren die Erzählungen von Begegnungen: Jesus, der Auferstandene begegnet Menschen, den Frauen, den Jüngern – und zwar gerade in sehr hoffnungslosen Situationen: Dort im Garten, beim leeren Grab der Maria Magdalena. Den Jüngern, als die sich aus Furcht eingeschlossen hatten; den zwei Jüngern, die aus Jerusalem nach Emmaus weggehen und den fischenden Jüngern, als deren Netze leer sind. Seine Botschaft ist dabei immer eine Botschaft, die Mut macht und einen langen Atem, ja ein neues Leben schenkt: Fürchtet euch nicht! Kommt her, nehmt und esst – ich bin es!

Die Berichte von solchen Begegnungen können auch bei uns heute eine erloschene Leidenschaft wieder anfachen. Weil sie uns deutlich machen, worum es eigentlich bei und in unserem Glauben geht: Um Hoffnung, Befreiung und Erlösung! Es geht nicht um Gebote, Moralvorschriften und Begrenzungen, sondern um Mut in Hoffnungslosigkeit; um Liebe in Einsamkeit; um Kraft im Scheitern; um Leben, wo alles abgestorben ist. Jesu Wort ist ein Wort, das leere Netze füllt! Er ist die Nahrung für den Hunger der Trostlosigkeit und Einsamkeit, der Beziehungslosigkeit und Verzweiflung, für den Hunger nach Leben und Liebe. Ja, die christliche Botschaft ist die Zusage dieser Begegnung mit dem Auferstandenen – gerade dort, wo wir selber nicht weiterwissen; wo alles aus scheint.

Aber es braucht auch die Menschen, die andere auf Christus aufmerksam machen; es braucht Menschen, die auch heute Jesus nachfolgen. Und was sind die Voraussetzungen für eine solche Nachfolge? Auf jeden Fall nicht Fragen wie: „Was kannst du?“ oder: „Glaubst du überhaupt?“ oder: „Kennst du und hältst du die Gebote?“ Nein – für mich ist es vielmehr die dreimalige und eindringliche Frage Jesu an Petrus: „Liebst du mich?“ Auf sein Bekenntnis hin überträgt ihm Jesus die Vollmacht, in seinem Namen zu sprechen und zu handeln.

Die Gewissheit, dass mein Glaube und mein Leben nicht auf meine Leistungen aufgebaut sind, sondern auf Seine Liebe zu mir und auf meine Liebe zu ihm – diese Gewiss­heit ist es, die unseren Be­mühungen immer wieder den langen Atem verleiht; und sie ist eine ständige Ermutigung, mich an dieser Begegnung mit dem Auferstandenen auszurichten, der mich später nur nach dem einen fragen wird: Liebst du mich?

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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