Krisen – Herde


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Über viele Jahrzehnte, ja Jahrhunderte war die Küche der Bereich der Frauen und Mütter. Mädchen schickte man zur Hauswirtschaftsschule, denn sie sollten kochen und backen lernen. Schließlich ging es darum, später einmal für ihre Männer und Familien eine gute Hausfrau zu werden.

So gehörte der heimische Herd – wen soll es da wundern – über lange Zeit zu den klassischen Arbeitsplätzen der Frau. Doch siehe da: Was hat sich diesbezüglich in den vergangenen Jahren nicht alles verändert. Die Frauen sind – Gott-sei-Dank – aus der Enge dieser Welt ausgebrochen und haben sich neue Welten erobert. Berufserfahrung und Familienalltag, das sollte beides für sie möglich werden. Und inzwischen gibt es ja ganze Berufsfelder, die vom weiblichen Geschlecht geprägt werden. Was aber angesichts dieser veränderten Tradition auffällt ist, dass genau der Bereich, der vormals fast nur allein den Frauen zustand, ihnen nun so gut wie vorenthalten bleibt: Nämlich die Welt der Gourmet- und „Sterne-Küchen“.

Küchen sind, zumindest in bestimmten Kreisen, zu einem Reich der Männer geworden. Und dementsprechend werden sie auch ausgestattet – oder sollte man besser sagen: ge­­­tuned? Ums Essen und Kochen hat ja ein regelrechter Kult eingesetzt. Während sich Männer früher vorzugsweise über Motorräder, Tennis oder Fußball unterhielten, dreht sich heute bei vielen – vor allem in bestimmten Kreisen – alles nur noch um die Vorteile neuester japanischer Hackmesser oder die Topmodelle neuester Espressomaschinen. Ja, in solchen Kreisen wird die Desig­nerküche zum gesellschaftlichen Muss. Das Wort vom „Krisenherd“ bekommt auf einmal eine ganz neue und andere Bedeutung. Es reicht eben nicht mehr, nur gut und bürgerlich zu kochen.

Wie sehr sich heute alles verändert hat, zeigt z.B. das Wort „Aussteuer“. Ein vom Aussterben akut bedrohtes Wort. Da füllten vor noch nicht allzu langer Zeit die Mütter und Tanten die Truhen ihrer Töchter und Nichten mit steifer Tischwäsche und das silberne Besteck sollte einen soliden Weg in den zukünftigen Haushalt weisen. Die bürgerliche Tradition – unsere Eltern wollten sie einfach bewahren und uns weitergeben. Heute dagegen zählen vor allem die Marken am Herd, da muss möglichst alles neu und teuer und vor allem funktional sein. Und das Design, der Name, die Marke – das alles ist genauso entscheidend, wie die Zutaten zum Menü.

Irgendwie atemberaubend, wie die Entwicklung unserer Gesellschaft voranschreitet. Und nirgendwo ist das so deutlich zu spüren, wie in unserer Art zu essen und zu kochen. Zwar wird heutzutage in unseren Familien viel weniger gemeinsam gegessen, aber es wird gekocht wie noch nie – und das besonders häufig im Fernsehen. Kochsendungen hatten lange Zeit höchste Einschaltquoten und beim Kochen zuzuschauen, das muss vielen Menschen offensichtlich großen Spaß bereiten – selbst denen, die selber nie einen Kochlöffel in die Hand nehmen und lieber eine Dose öffnen oder die Mikrowelle benutzen.

Das Kochen ist ja irgendwie ein Symbol für unser ganzes Leben. Einiges finde ich vor, einiges gebe ich dazu, mal mehr oder auch mal weniger gewürzt. Wie sagte die Mystikerin Madeleine Delbrêl einmal: „Gott serviert uns die Umstände nicht wie Fertiggekochtes! Er macht, dass wir die Dinge machen!“ Was also beim Kochen mit den Zutaten und Speisen passiert, kann insgesamt zum Gleichnis für das Leben werden. Es gibt Rezepte, es gibt Zutaten – aber ich kann in großer kreativer Freiheit meine ganz eigenen Akzente setzen. Ich kann was daraus machen! Wie heißt das bekannte Sprichwort: „Der Mensch ist, was er isst!“ Essen ist also mehr, als nur eine optimale Küchenausstattung mit teuren Zutaten. Essen stiftet Gemeinschaft, schafft Beziehung, kann einen schönen Abend verzaubern. Wir sagen ja nicht umsonst: „Heute geh’n wir mal schön essen!“

Auch die Bibel ist voll von Essgeschichten. So ist es Gott selbst, der zum großen Gastmahl einlädt. Wie heißt es beim Propheten Jesaja: „Gott wird auf diesem Berg ein Festmahl geben, mit feinsten und erlesenen Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen. Er beseitigt den Tod für immer und Gott der Herr, wischt die Tränen ab von jedem Gesicht.“ Und Jesus Christus hat dann sein Geschenk an uns alle an Brot und Wein gebunden. Beim Mahl mit den Freunden hat er deutlich gemacht, dass er in diesen Zeichen gegenwärtig ist bis auf den heutigen Tag. Er verschenkt sich in diesen Zeichen – großzügig und verschwenderisch – an  jede und jeden von uns. Und untereinander sind wir im Abendmahl eine große Tischgemeinschaft.

Aus der Ferne betrachtet erinnern mich die Kochsendungen im TV auch immer ein wenig an die Liturgie – die Lafers, Lichters, Melzers, Schubecks quasi als hohe Priester der Fernsehgemeinde, der Küchentisch als Altar – und dann schließt sich der Kreis. Fällt Ihnen etwas auf? Es sind wieder meistens nur Männer, die da zelebrieren…. 

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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