Karriere nach unten


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Nun also ist entschieden, wer die Bundesrepublik Deutschland die nächsten vier Jahre regieren wird. Die Kanzlerin ist geblieben, aber ansonsten wird sich einiges ändern. Manche sind am Wahltag ganz derb auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt worden und so manche Diskussion wird sich darüber in den nächsten Wochen anschließen.

Was wurde im Endspurt des Wahlkampfes nicht alles überlegt und gedacht: Geht die Strategie auf? Wie kann man noch unentschlossene oder unentschiedene Wähler mobilisieren? Machen wir uns nichts vor: Bei allen Parteien und auch bei allen Einzelpolitikern geht es um Machtgewinn, um ein-fluss­reiche Positionen in der Gesellschaft. Wenn ich mir dazu nun die eine oder andere Bibelstelle aus dem Neuen Testament, die man Jesus in den Mund legt, in Ruhe betrachte, dann wirkt das alles geradezu kontraproduktiv zu dem, was wir die letzten Wochen vor der Wahl erlebt haben. Da heißt es z.B. an einer Stelle des Markus-Evangeliums, dass Jesus sich mit seinen Jüngern zurückzieht, um sie über sein „Programm“ und seine Strategie zu belehren. Und da redet er Klartext. Er sagt eindeutig, wie sein Lebensweg aussehen wird – nämlich mit Ablehnung, mit Leid und Tod, aber auch mit Auferstehung.

Und wie reagieren nun seine Freunde darauf? Überhaupt nicht. Keinerlei Widerspruch, nicht mal eine Frage. Also ich könnte mir denken, dass das für Jesus ein mehr als deprimierendes Verhalten darstellt. Eigentlich signalisiert es ein völliges Unverständnis der Jünger, die ihren Meister mit seinen düsteren Zukunftsahnungen allein lassen. Zwar erklärt der Evangelist die Jüngerreaktion mit deren Furcht, doch der tiefere Grund ihrer mangelnden Sensibilität zeigt sich nur kurz darauf. Jesus fragt sie, worüber sie miteinander gesprochen haben und sie müssen ihm kleinlaut und wohl auch peinlich bekennen, dass sie miteinander darüber gesprochen – oder sollte ich vielleicht sogar sagen – gestritten haben, wer von ihnen der Größte sei. Krasser kann man sich die Kluft zwischen Jesus und den Seinen wohl kaum vorstellen. Da steht das Schicksal ihres Meisters auf des Messers Schneide, und seine Freunde haben anscheinend nichts besseres zu tun, als sich über ihre Rangordnung zu ereifern und von Machtpositionen zu träumen – offensichtlich ein Dauerthema in den ersten christlichen Gemeinden.

Ist das aber heute so viel anders? In Gesellschaft und Politik sind solche Machtkämpfe nicht nur vor Wahlen an der Tagesordnung. Anstößiger sind solche Streitigkeiten um Macht, Einfluss und Ansehen in kirchlichen Gremien, angefangen von der Kurie bis hinab in die einzelnen Gemeinden. Was mutet Jesus den Seinen und somit uns zu: „Wenn einer Erster sein will, soll er der Letzte und der Diener aller sein.“ Eindeutiger lässt sich die Karriere nach unten wohl kaum beschreiben. Wer bitte schön verhält sich denn so? Wer mit solchen Gedanken unterwegs ist, dem wird doch heutzutage – selbst in kirchlichen Kreisen – Naivität und Dummheit unterstellt. Schließlich werden schon die Kinder im Kindergarten auf Leistung getrimmt und man bekommt quasi schon mit der Muttermilch eingeflößt: Nur wer sich gegenüber anderen durchsetzt, sich überzeugend darstellt, gewinnt Ansehen und Anerkennung. Sonst? Sonst ist man schnell der Dumme und wird von den anderen ausgenutzt. Hat Jesus hier aber nicht massiv übertrieben, es vielleicht gar nicht so ernst gemeint?

Oh doch. Er spürt sehr wohl die Gedanken seiner Mitstreiter und setzt deshalb ein Zeichen. Er nimmt ein Kind in seine Arme und sagt zu den Jüngern: „Wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.“ Keine romantische Ges­te, wie es Persönlichkeiten heutzutage gerne publicity­trächtig tun. Nein, Jesus stellt damit unsere Maßstäbe und Wertvorstellungen auf den Kopf. Er ruft die Jünger und uns in die Verantwortung für die, die keine Geltung haben: Die Kleinen, die Hilfsbedürftigen und die Benachteiligten.

Jesus zeigt uns immer wieder eindeutig, wozu wir berufen sind: Zum selbstlosen Einsatz für die Kleinen und Schwachen. Vielleicht lernen wir so, unser eigenes Kleinsein, unser Unfertig- und Bedürftigsein anzunehmen, und ebenso das unserer Mitmenschen. Das aber können wir nicht aus uns selbst, sondern dies setzt die Umkehr des Herzens voraus. Wirkliche Größe lebt aus dem Wissen um die eigene Schwachheit und aus dem kindlichen Vertrauen auf den Gott, der allein die Wandlung des Herzens – sowohl meines als auch Ihres Herzens – schenken kann. Nur als Dienende um Jesu willen ist unser Zeugnis als Kirche glaubwürdig – oder wie Bischof Gaillot zu sagen pflegt: „Eine Kirche, die nicht dient, dient zu nichts.“

So wünsche ich unserer Kirche diese dienende Kraft und unserer von christlichen Politikern geprägten Bundesregierung den Mut, in all ihren Entscheidungen dieses Dienen nicht zu vergessen – vor allem nicht gegenüber den Kleinen und Schwachen.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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