In der Beziehungskrise


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„Lichtblicke“ der deutschen Seelsorger auf Teneriffa – diesmal von Pfarrer Roland Herrig, Evangelische Gemeinde Teneriffa Süd

In unserer Beziehung kriselt es. Wir kennen uns seit so vielen Jahren, Jahrzehnten. Wir haben uns eigentlich gut aneinander gewöhnt. Vielleicht zu gut. Jetzt macht jeder nur noch seins. Wir reden nicht mehr viel miteinander. Die intimeren Kontakte sind rar geworden.

Nur wenn etwas schief geht, dann machen wir uns Vorwürfe: Du bist schuld! Wie kannst du nur! Aber ehe es zum richtigen Streit kommt, haben wir uns schon wieder beruhigt und sind zum alltäglichen Nebeneinander zurückgekehrt. Eigentlich, so denken wir manchmal, kämen wir auch ganz gut ohne den anderen aus. Vielleicht hätten wir dann mehr Freiheit. Und ein weniger schlechtes Gewissen.

In unserer Beziehung kriselt es. Ich meine: In unserer Beziehung mit Gott. Ich kann jetzt nur von unserer Seite, der Seite der Menschen, aus sprechen. Aber da habe ich schon den  Eindruck, dass es im Großen und Ganzen keinen Unterschied macht, ob da Gott an unserer Seite ist oder nicht. Meistens tun wir so, als wäre er gar nicht da. Behandeln ihn wie Luft. Sind alleine, ohne ihn, unterwegs. Verschweigen es verschämt, dass wir in einer eingetragenen Partnerschaft mit ihm leben (ich meine die Mitgliedschaft in der Kirche).

Wäre es da nicht konsequent, sich von ihm zu trennen, sprich: aus der Kirche auszutreten? Ganz so zu leben, als ob es ihn nicht gäbe und nie gegeben hätte? – Manche gehen diesen Schritt; und ich habe durchaus Respekt vor ihnen, vor allem, wenn sie sich diese Entscheidung nicht zu leicht gemacht haben.

Wenn wir das nicht wollen, dann sollten wir vielleicht an unserer Gottesbeziehung arbeiten. Vielleicht einfach mal Zeit nehmen zum Reden; sich aussprechen. Vielleicht mal was zusammen unternehmen. Oder dem Partner im Alltag mehr Aufmerksamkeit schenken. Oder, wenn das alles nicht hilft, eine Therapie machen. – Gut, das ist jetzt Werbung in eigener Sache, aber als Pfarrer bin ich schon auch so was wie ein Paartherapeut für die Gottesbeziehung. Also, wenn Sie meinen, Sie müssten in Ihrer Beziehung mit Gott etwas klären, und Sie brauchen Hilfe dabei: Meine Kollegen und ich sind genau dafür da.

Wenn es in unserer Beziehung mit Gott kriselt, dann ist das nichts Neues, nichts Überraschendes. Eigentlich ist das schon seit Jahrtausenden so. Mensch und Gott tun sich schwer miteinandern. Gegenseitige Vorwürfe, Gleichgültigkeit, Treulosigkeit, ja sogar Gewalt in der Beziehung – das hat es immer und immer wieder gegeben. Vor allem die Bibel erzählt vom Beziehungsstress zwischen Gott und Mensch.

Erstaunlich, dass Gott sich nach Jahrhunderten und Jahrtausenden (nicht nur nach Jahren und Jahrzehnten) nicht von uns Menschen getrennt hat, auch nicht aus der Kirche ausgetreten ist. Mag sein, dass er sich auch manchmal ziemlich zurückgezogen hat. Aber sein grundsätzliches Ja zu uns, das steht, so weit ich ihn verstanden habe, fest. Und für ein Beziehungsgespräch ist er jederzeit bereit.

Und Sie?

Roland Herrig

Evangelische Kirche

Gemeinde Teneriffa Süd




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