Hungerstreik als Verzweiflungsakt


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Die letzten Hauseigentümer der Fischersiedlung Cho Vito kämpfen um ihr Dach über dem Kopf

Seit einer Woche nehmen sieben Bewohner des Küstenortes Cho Vito nur noch Zuckerwasser mit Zitrone zu sich. Geschwächt, ausgebrannt aber entschlossen protestieren sie seit dem 1. September mit einem Hungerstreik gegen den vorgesehenen Abriss ihrer Häuser. Damit ihre Aktion auch für die Öffentlichkeit gut sichtbar ist, haben sie ihre Zelte auf der Plaza de la Candelaria in Teneriffas Hauptstadt aufgeschlagen und sich dort häuslich eingerichtet. Vorerst und solange ihnen keine zufriedenstellende Lösung ihres Problems angeboten wird, wollen sie sich nicht vom Fleck rühren.

Cho Vito an der Küste von Candelaria, ist nur einer von vielen nach dem Küstengesetz von 1988 illegalen Küstenorten in Spanien. Auf den Kanaren hat das spanische Küstenamt vor gut zwei Jahren mit Cho Vito ein Exempel statuiert, indem es trotz heftigster Proteste den Großteil der dort seit vielen Jahren stehenden Häuser abreißen ließ. Von 31 Häusern blieben nur neun stehen, weil sie der einzige Wohnsitz ihrer Besitzer waren. Sie erhielten eine Galgenfrist, die diesen Monat abläuft. Am 20. September soll Cho Vito endgültig ausgelöscht werden.

Der seit über 40 Jahren existierende Fischerort Cho Vito liegt bei Candelaria direkt am Meer. Die kleinen Häuschen waren weiß gestrichen und hatten grüne Fenster und Türen aus Holz. Es waren einfache aber gepflegte Häuser, die Eigentümer kannten einander seit Jahren gut und bildeten eine nette Gemeinschaft. Als das Küstengesetz ihren Besitz bedrohte, hielten sie zusammen und kämpften wildentschlossen um ihr Eigentum. Im Oktober 2008 konnte jedoch weder ihr kurzzeitiger Hungerstreik noch die leidenschaftliche Drohung mit einem „Massensuizid“ verhindern, dass ein Bagger die Häuser eines nach dem anderen zermalmte.

Trotz ihrer schier aussichtslosen Lage wehren sich nun die Eigentümer der letzten noch stehenden Häuser gegen das Urteil, das ihren Abriss für den 20. September ansetzt. Die Hungerstreikenden wollen sich durch nichts von dem eingeschlagenen Weg abbringen lassen; ihnen ist nur eine Lösung recht: der Erhalt ihrer Häuser. Auf der Plaza de la Candelaria in Santa Cruz haben sie in der letzten Woche für Aufsehen gesorgt. Über 1.000 Unterschriften von Passanten haben sie gesammelt. Am zweiten Tag ihres Streiks wurden sie im Cabildo von Inselpräsident Ricardo Melchior empfangen, der versprach, bei einem Treffen mit Vertretern der spanischen und kanarischen Regierung und der Gemeinde Candelaria zu vermitteln. Dieses Treffen soll am 10. September in Madrid stattfinden. Das  Cabildo vertritt den Standpunkt, dass vor einem Abriss die Besonderheiten jedes einzelnen betroffenen Objekts untersucht werden müssen und dieser nicht ohne die Zustimmung der Inselbehörden erfolgen darf. Dies störte das spanische Küstenamt jedoch schon vor zwei Jahren nicht als es im Auftrag des Umweltamtes den ersten Teil von Cho Vito abreißen ließ. Nun verlangt das Cabildo von der Regierung weitere Abrisse zumindest so lange hinauszuschieben bis die kanarische Regierung eine Aufstellung der Fischerorte erstellt und den gegebenenfalls ethnographischen, architektonischen oder kulturellen Wert der einzelnen „poblados marineros“ geklärt hat.

Unterdessen hat Candelarias Bürgermeister Gumersindo García versucht, die Streikenden unter Druck zu setzen, indem er ihnen damit drohte, nicht zu dem Treffen in Madrid zu reisen, wenn sie ihren Hungerstreik nicht beenden, was von den Aktivisten wiederum als Herausforderung aufgefasst wurde. Man werde den Hungerstreik nur beenden, wenn eine Lösung des Problems geboten wird, ließ Tomás González, Sprecher der Betroffenen, wissen. Er berichtete weiter, dass durch den geplanten Abriss neun Familien – insgesamt 30 Personen – ihr Dach über dem Kopf verlieren werden. Tomás González erinnerte an die Worte von Bürgermeister García, der 2008 versprach, die neun Häuser zu erhalten, die ihren Besitzern als einziger Wohnsitz dienen und nun sollen sie doch abgrissen werden.

Im Sinne der gültigen Gesetzgebung scheint eine Lösung für Cho Vito nur dann möglich, wenn die kleine Häusergruppe zum „Ort von völkerkundlichem Interesse“ erklärt wird, was allerdings wenig wahrscheinlich ist. Schon vor zwei Jahren wies die Kommission für historisches Erbe im Cabildo einen entsprechenden Antrag zurück. Einstweilen fragen sich die Betroffenen, welche Bedeutung eigentlich die Zahlung von Grundsteuern, die Aufnahme von Hypotheken und sogar  Kaufurkunden haben, wenn sie nun ihren Besitz verlieren sollen. So zum Beispiel José Antonio Luis (62), Fischer und Landwirt, dessen Haus bereits 2008 abgerissen wurde und der sich jetzt für das Haus seines Sohnes einsetzt: „Er hat für den Hauskauf damals 1,5 Millionen Peseten an Eigenheim­zuschuss von der kanarischen Regierung erhalten und 500.000 Peseten für die Kaufabwicklung bezahlt. Er hat beim Grundbuchamt bezahlt und die Grundsteuer an die Gemeinde entrichtet, und jetzt wollen sie sein Haus abreißen!“




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