Himmelfahrt – Jesu Fußspuren entdecken


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Wir feiern in diesen Tagen das Hochfest „Christi Himmelfahrt“. Für die einen ist es im deutschsprachigen Raum der Vatertag, für die anderen ein willkommener Feiertag, der die Arbeit ruhen lässt; aber der religiöse Background zu diesem Tag geht mehr und mehr verloren.

Deshalb möchte ich mich mit Ihnen in den folgenden Zeilen auf eine ganz spezielle „Spurensuche“ begeben, die uns diesen Tag und vor allem seine religiöse Bedeutung ein wenig näherbringen kann.

Martin Luther hat einmal über dieses Fest geschrieben: „Was es ist: Christus gen Himmel gefahren und sitzend zur Rechten Gottes, wissen wir nicht. Es gehet nicht also zu, wie du aufsteigst auf einer Leiter im Haus. Sondern das ist’s, dass er über allen Kreaturen und in allen Kreaturen ist.“ So vorsichtig wie Luther in seinen Gedanken zu diesem Fest, waren die Maler seiner Zeit ganz sicher nicht. Sie wussten anscheinend sehr wohl, was es ist: Christus gen Himmel gefahren… Auf ihren Bildern ist nämlich immer der in den Himmel entschwebende Jesus zu sehen, oder besser gesagt: meist entdeckt man nur noch seine beiden Füße und den Saum seines Gewandes aus der Wolke am oberen Bildrand. Unter ihm ist in aller Regel ein kleiner Hügel zu sehen, auf dem sich zwei leuchtende Fußabdrücke deutlich vom dunklen Erdreich abheben. Rings um den Hügel stehen Maria und die Jünger und starren – wie könnte es anders sein – verständnislos nach oben. Am rechten und linken Bildrand halten die beiden Männer in weißen Gewändern Spruchbänder in ihren Händen. Darauf ist in lateinsicher Sprache zu lesen: „Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“

Natürlich wirken diese Bilder des späten Mittelalters auf den ersten Blick sehr schlicht und kindlich; aber ich halte sie für alles andere als ungefährlich. Denn sie verleiten nicht selten zu dem Missverständnis, dass hier genau abgebildet würde, wie die Entrückung Jesu tatsächlich vor sich gegangen sei. Bei längerer Betrachtung allerdings lässt sich in diesen alten Bildern mit den Fußabdrücken Jesu eine durchaus tiefere Dimension entdecken. Da verlieren sie ein wenig von ihrer Naivität und sie helfen uns, das Fest Christi Himmelfahrt richtig zu feiern. Oder anders gesagt: Da geben sie uns zwei wichtige Impulse für unser Christsein heute.

„Was steht ihr da und starrt/schaut zum Himmel empor?“, diese Frage könnte man durchaus noch um den einen oder anderen Gedanken ergänzen: Warum schaut ihr denn nicht auf die „Eindrücke“, die Jesus in dieser Welt hinterlassen hat? Sucht doch bitte seine Spuren hier auf dieser Erde, das, was er den Menschen war und was er ihnen gepredigt hat. Sucht seine Spuren in den Geschichten und Gleichnissen, die er den Menschen seiner Zeit erzählt hat. Wenn ihr die lest oder hört, dann spürt ihr auch heute etwas von seinem Geist, von seinen Hoffnungen und Träumen; dann ahnt ihr vielleicht, wie er sich ein gerechtes und gütiges Leben vorgestellt hat und was die Menschen so an ihm begeistert hat. Dann werdet ihr dadurch vielleicht auch mit hineingezogen in seine Vision von der neuen Welt Gottes und ihr entdeckt und spürt, wofür er gelebt und wofür er gekämpft hat.

Sucht seine Spuren in dem Mahl, das bis heute zu seinem Gedächtnis in den christlichen Kirchen gefeiert wird. Wenn ihr Brot und Wein auf den Altar stellt, dann steht euch in diesen beiden Zeichen immer auch sein Leben vor Augen; sein Dienst, der nichts anderes wollte, als „Sich-verzehren-lassen“ von der Not der Menschen. Ihr werdet so auch spüren, welche stärkende Kraft von diesem Mahl ausgeht und ihr erlebt eine Gemeinschaft, die auch heute Mut macht, die trägt und die euch in dieser Welt nicht alleine sein lässt.

Sucht seine Spuren in den Menschen, denen ihr begegnet! Wenn sie mit ihren Fragen und Hoffnungen auf euch zukommen, dann nehmt sie ernst mit all diesen Sorgen und Ängsten; schaut sie offen und interessiert an und entdeckt in ihren Gesichtern den fragenden, den bittenden, den herausfordernden Jesus, der gesagt hat: „Was ihr für eine/n meine/r geringsten Schwestern oder Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ Also – „schaut nicht hinauf“, das ist der erste Impuls der alten Himmelfahrtsbilder. Sucht seine Spuren auf der Erde.

„Ihr werdet meine Zeugen sein“, so lautet der zweite Impuls – oder auch: Tretet in seine Fußstapfen! Erzählt seine Geschichten weiter. Werdet erfinderisch und überlegt, wie ihr auch andere für seine Worte und seine Ideen begeistern könnt. Tretet in seine Fußstapfen und ladet euch Leute um den Tisch; werdet eine einladende Gemeinde und Gemeinschaft, in der den Menschen aufgeht: Hier finden wir etwas, das unseren Lebenshunger und Lebensdurst stillt; hier erleben wir, wie das Teilen von Brot und Wein verbindet. Und: Tretet in seine Fußstapfen und geht wie er zu den Menschen. Macht ihnen Mut; helft mit, dass sie aufatmen und befreit lachen können; dass sie ein Ansehen haben und menschenwürdig leben können.

Sicherlich hatte Martin Luther recht, indem er sagte: An Christi Himmelfahrt feiern wir, dass Christus über allen Kreaturen und in allen Kreaturen ist. Und die alten Bilder mit den großen Fußabdrücken Jesu können uns helfen, ihn immer wieder als den Herrn allen Lebens zu erkennen. Dazu aber müssen wir hier auf Erden seine Spuren suchen und vor allem: Wir müssen in seine Fußstapfen treten.

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger




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