Heilende Begegnungen


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Über Jesus gibt es manche Geschichten, die selbst denen unbekannt sind, die das Neue Testament schon mal von vorne bis hinten durchgelesen haben. Zum Beispiel die, wie Jesus als Kind – einfach so aus Jux und Tollerei – zwölf Spatzen aus Lehm formt, diese Tiere dann zum Leben erweckt und sie auf und davon fliegen lässt.

Oder jene von dem Kind, welches Jesus beim Spielen stört: Während der kleine Jesus an einem Bach sitzt und allein durch seine Willenskraft Wasser in kleine Teiche leitet, kommt ein anderer Junge hinzu – und wie Kinder es manchmal so an sich haben, ärgert der den kleinen Jesus und fegt mit einem Weidenzweig das Wasser aus den Pfützen heraus. Jesus ist darüber aber so empört, dass er seinem Ärger Luft machen will und so verflucht er kurzer hand mal den anderen Jungen; mit dem Ergebnis, dass dieser sofort erstarrt. Oder kennen Sie die Geschichte, in der Josef seinen Sohn Jakobus zum Holzsammeln schickt? Der wird dabei unglücklicherweise von einer giftigen Schlange gebissen und droht daran zu sterben. Da erscheint aber blitzartig Jesus auf der Bildfläche, bläst auf die Wunde und macht ihn so wieder gesund – während die Schlange sterben musste.

Vielleicht fragen Sie sich jetzt, weshalb Sie diese Geschichten nicht kennen. Stehen die wirklich in der Bibel? Und weil ich um Ihre Bibelfestigkeit weiß, kann die Antwort eigentlich nur lauten: Nein! All diese Erzählungen entstammen den so genannten Apokryphen, also den „verborgenen Schriften“. Eine davon wird als „Thomas-Evangelium“ bezeichnet und ist wahrscheinlich gegen Ende des zweiten Jahrhunderts geschrieben worden. Es beinhaltet vor allem Wundererzählungen, die man Jesus als Kind zuschreibt.

Nicht nur Fans von Dan Browns „Sakrileg“ oder Kathleen McGowans „Maria Magdalena Evangelium“ fragen sich, warum solche oder ähnlich lautende Erzählungen bei der Entstehung der Bibel nicht berücksichtigt wurden und keinen Eingang ins Neue Testament gefunden haben. Manch einer nutzt deshalb jetzt die Gelegenheit, nach geheimbündlerischen Verschwö-rungen zu fahnden. Es gibt aber auch einfachere Erklärungen. In der Bibel, sollte Jesus eben gerade nicht als der große Zauberer dargestellt werden, der mit magischen Fähigkeiten alle Hebel zum Guten oder auch zum Bösen in Bewegung setzen kann. Denn die Erfahrung derer, die mit ihm gezogen sind, war ja eine andere: Wenn Jesus Menschen heilte, dann sprach er dabei keine mysteriösen Formeln, kein Hokuspokus und er verabreichte auch keine geheimnisvollen Mixturen. Wenn Jesus auf die Kranken zuging, dann wurde da nicht irgendetwas aus dem Hut oder dem Rucksack gezaubert, sondern seine Heilungen waren immer Zeichen seiner Begegnung mit ihnen. Er sprach sie an, er berührte sie – nicht mehr und nicht weniger. 

So war es auch bei der Begegnung mit dem Taubstummen, den die Leute zu Jesus brachten, damit er ihn berührt. Jesus nimmt ihn von der Menge weg. Berührt ihn an Ohren und Mund und spricht ihn an: „Effata – öffne dich!“ Und da beginnt der Mann zu hören und zu sprechen. Spüren Sie was hier geschieht? Das ist weit mehr als nur die Bewandtnis, dass Jesus hier eine körperliche Behinderung aus der Welt schafft. Er zaubert den Mann nicht einfach gesund. Nein – er nimmt ihn beiseite, er hat Zeit für ihn, berührt ihn und spricht ihn ganz persönlich an. Wahrscheinlich hatte das dem Taubstummen schon lange keiner mehr zugetraut oder auch ermöglicht. Aber jetzt kann er sich öffnen; endlich versteht er wieder, was die anderen sagen; endlich verstehen auch sie ihn wieder und das ist das, was den Menschen gesund macht.

„Effata – öffne dich!“ Diese Bitte gilt auch allen Taubstummen heute. Wohlgemerkt: Mit taub und stumm sind – auch bei Jesus – nicht zuerst die gehörlosen Menschen gemeint. Taub sind die, die im wahrsten Sinne des Wortes gefühllos geworden sind. Die den Zugang zu ihren eigenen und den Gefühlen anderer Menschen verloren haben. Wie sagen wir häufig so salopp: „Man darf sich nicht alles so zu Herzen nehmen!“ oder „Irgendwann stumpft man einfach ab“. Richtig – aber man muss bei all dem aufpassen, dass die Gefühle nicht auf der Strecke bleiben und man nur noch hart und unnahbar gegen sich selbst und andere ist.

Stumm sind für mich eben auch all jene, die nichts mehr zu sagen haben. Menschen, die niemanden haben, dem sie was erzählen können oder Menschen die viel reden und doch überhaupt nichts sagen. Die sich am Stammtisch stundenlang über die Benzinpreise oder irgendwelchen Klatsch und Tratsch austauschen können. Die aber nicht mal auf die glorreiche Idee kommen würden, ihren Kindern mal zu sagen, dass sie sie gern haben; ja, dass sie sie lieben und sich an ihnen freuen. Es braucht auch heute keine Wundermittel, um Taubstummen Ohren und Mund zu öffnen. Es braucht wahrscheinlich nur ein wenig Zeit und ein gutes Wort.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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