Gut gemeint oder gut gemacht?


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Ich kann mich an einen früheren Kollegen und Mitbruder erinnern, der die Angewohnheit hatte, dass er in jedem gefühlten dritten Satz sagte: „Ich hab es doch nur gut gemeint!“ Dabei war dieses „gut gemeint“ mitunter alles andere als wirklich gut.

Manchmal war es sogar das krasse Gegenteil von „gut gemacht“! Sicherlich: Er hatte immer die besten Absichten, gar keine Frage. Er wollte nur helfen, wo immer er konnte oder unterstützend eingreifen – aber manchmal erreichte er damit eben das genaue Gegenteil. Und wenn wir ehrlich sind, dann können wir das wahrscheinlich nur unterstreichen: „Gut gemeint“ ist tatsächlich oft das Gegenteil von „gut gemacht“.

An diesen Mitbruder bzw. seine Angewohnheit musste ich dieser Tage denken, als ich eine Stelle aus der Apostelgeschichte gelesen habe. Da sagt Petrus in einer öffentlichen Rede, dass seine Zuhörerinnen und Zuhörer diesen Jesus von Nazareth durch die Hand von Gesetzlosen ans Kreuz geschlagen und umgebracht hätten. Aber wen meint er denn damit? Wer soll denn da gesetzlos gewesen sein? Schlussendlich haben es doch alle Beteiligten nur „gut gemeint“.

Nehmen wir die Henker, die Jesus zur Kreuzigung führten; sie hatten ihre Befehle und denen mussten sie gehorchen. Auch Pilatus hatte keine andere Wahl. Recht und Ordnung und Staatsräson ließen ihm so gut wie keinen Spielraum und machten das Urteil zwingend notwendig. Und der Hohe Rat, die Schriftgelehrten und die Priester – waren die etwa alle gesetzlos? Im Gegenteil: Sie waren davon überzeugt, dem Gesetz des Glaubens zu folgen und somit Gottes Gebot zu erfüllen, wenn sie diesen Jesus, der in ihren Augen nichts anderes als ein Unruhestifter und Aufrührer war, daran hinderten, noch mehr Unheil anzurichten. Schließlich sahen sie durch ihn die Gefahr am Horizont aufkeimen, dass da einer mit der alten Tradition brechen und die Leute auf einen – nach ihrem Denken und Empfinden – falschen Weg führen will. Deshalb sagten sie auch: „Wir haben ein Gesetz, und nach diesem Gesetz muss er sterben!“ Sollten diese Männer etwa alle Gesetzlose gewesen sein? Sie haben nur getan, was sie für richtig hielten. Sie haben nur das Beste gewollt, haben es doch nur „gut gemeint“.

Aber „gut gemeint“ ist eben manchmal das Gegenteil von „gut gemacht“. Sie waren davon überzeugt, Gott einen Gefallen zu tun, und jetzt müssen sie sich gefallen lassen, von Petrus dafür als Gesetzlose beschimpft zu werden, vor der Geschichte als Verbrecher dazustehen, als Menschen, die nichts von Gottes Willen verstanden hatten.

Wie oft ist es aber wohl auch heute noch so, dass wir meinen, im Namen von Glaube und Religion genau das Richtige zu tun, etwas aufrechterhalten, ganz egal, ob Menschen darunter leiden müssen oder nicht. Und das nur, weil wir es in unserer Tradition so vorfinden bzw. manche felsenfest davon überzeugt sind, dass genau dies der Wille Gottes ist. So frage ich mich: Wieso sollte es heute nicht möglich sein, einfach auch um das Leben unserer Gemeinden zu schützen und die Feier der Eucharistie als deren Mittelpunkt zu erhalten, dass auch verheirateten Männern die Priesterweihe erteilt wird? Ist denn der Zölibat in der heutigen Situation wirklich der Wille Gottes? Oder nehmen wir geschiedene und wiederverheiratete Paare. Sind wir wirklich der Ansicht, dass Gott sie nicht am Mahl seiner Liebe teilhaben lassen will? Dass er Menschen, die besondere Bruchsituationen in ihrem Leben erfahren haben und dann auf einem guten Wege sind, diese Brüche zu heilen und zu kitten, dass er all diese Menschen von seinem Liebesmahl ausschließt? Für mich unvorstellbar!! Oder nehmen wir die Kirchenjuristen, die sich derzeit über Papst Franziskus auslassen, weil er bei der Fußwaschung am Gründonnerstag in diesem Jugendgefängnis auch zwei Frauen die Füße gewaschen hat. Nach ihrer Ansicht und nach Aussage des Kirchenrechts darf der Papst aber nur Männern die Füße waschen, weil der Überlieferung nach auch Jesus nur Männern die Füße gewaschen hat… Ich gratuliere dem Papst, dass er dieses wundervolle Zeichen gesetzt und so diesen mehr als fragwürdigen Paragrafen im Kirchenrecht auf stille Art und Weise überholt und quasi abgeschafft hat.

Wenn ich dies alles so bedenke, dann bin ich der festen Überzeugung, dass wenn Jesus heute auf die Welt käme, er all unsere Überlieferungen und Traditionen mal wieder ganz gewaltig durcheinanderwirbeln würde. Wir würden ihn unsererseits dafür wahrscheinlich nicht mehr ans Kreuz schlagen, aber ein viel besseres Schicksal würde ihn wohl auch heute nicht erwarten. Man würde ihn mundtot machen, aus der Gemeinschaft ausschließen, ihn zum Häretiker abstempeln. Denn: die Theologen und Repräsentanten aller Konfessionen sind wohl heute kaum so viel klüger und einsichtiger als die anderen es damals waren. Auch heute meinen sie es doch alle nur gut. Aber „gut gemeint“ ist eben manchmal das Gegenteil von „gut gemacht“.

Herzlichst Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

Diesen und frühere Artikel können Sie nachlesen unter: www.katholische-gemeinde-teneriffa.de oder unter www.wochenblatt.es




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