Gott reißt den Himmel auf


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Der deutsche Schriftsteller und Literatur-Nobelpreisträger Heinrich Böll wurde einmal gefragt, ob er denn auch einen Bomber-Piloten aus dem Wasser ziehen würde, der das Leben Hunderter oder gar Tausender seiner Mitmenschen im Vietnamkrieg zerstört hat.

Darauf hat er geantwortet: „Ich hätte sogar den Massenmörder Eichmann aus dem Wasser gezogen!“ Es ging Böll bei dieser Aussage schlicht und ergreifend darum, mit diesem Bekenntnis deutlich zu machen, dass der Mensch kein Recht zur Wahl hat, wenn es um ein Menschenleben geht. Und wie um seine Aussagen zu unterstreichen, hat er hinzugefügt: „Wenn man den einen aus dem Wasser zieht und den anderen nicht, betreibt man Selektion, Auswahl. Es gibt für mich den Menschgewordenen. Und weil er jeden Menschen ernst nimmt, muss ich das Gleiche tun.“

Vor Jahren hat der Limburger Bischof Altbischof Franz Kamphaus das zwischenzeitlich viel zitierte Wort geprägt: „Mach‘s wie Gott, werde Mensch!“ Und genau das ist das, was wir an Weihnachten bedenken sollten und was uns stets herausfordern muss. Endlich Mensch zu werden. Gott hat mit der Geburt von Jesus seinen Himmel aufgerissen; er hat mit der Menschheit und mit der Menschlichkeit ganz von vorn begonnen. Das hat es nie zuvor und in der Geschichte danach (bis heute) nie mehr gegeben: einen neuen Anfang. Genau das aber schenkt uns Weihnachten. Wir sollten uns nicht einzig und allein den weihrauchgeschwängerten „Heile-Welt-Gedanken“ vom Frieden auf Erden und vom Fest der „ach so lieblichen“ Heiligen Familie überlassen, wie wir es in diesen Tagen nur allzu oft tun. Weihnachten ist weit mehr als das – weit mehr.

An Weihnachten geht es – das ist der Wille Gottes – um den Menschen. Der Mensch ist durch die Gen- und Biotechnik in der großen Gefahr, zu einem Machwerk zu werden. Dieses Ziel wird geschickt getarnt durch das Versprechen, Belastungen zu überwinden, Krankheiten zu heilen, das Leben rundherum glücklicher zu gestalten, insgesamt älter, ja vielleicht sogar unsterblich zu werden. Im Blick aber ist ein Mensch, an dem und mit dem so lange herumexperimentiert wird, bis er durch und durch perfekt und erfolgreich ist. Alle anderen Menschen, wir nennen sie normalerweise „behindert“ oder hier in Spanien (was ich noch viel schlimmer finde) „minusválidos“, die also aufgrund von Krankheiten benachteiligt, eingeschränkt oder nicht belastbar sind wie die Gesunden, die werden für dieses Ziel radikal ausgesondert.

 Der Menschgewordene aber kennt und nennt diese Kategorien für Menschen nicht. Noch haben wir die Wahl, welchem Weg wir folgen wollen. Ob wir mit der Verurteilung anderer unser eigenes Urteil sprechen oder durch die Annahme des Kranken, Schwachen und Behinderten unsere eigene Schwäche, unser eigenes Dunkel, unsere eigene Angst annehmen und heilen lassen. Täuschen wir uns bitte nicht, aber der uns suggerierte „perfekte Mensch“, wird ein sehr einsamer und kalter Mensch sein. Er ist nicht nur weit weg von Gott, er wird auch ganz weit weg vom Mitmenschen sein. Unsere Menschwerdung und damit verbunden unsere Nähe zu Gott, die beginnt doch aber dort, wo wir unsere Schwächen nicht leugnen, unsere Fehler nicht in anderen bekämpfen, unser Misslingen annehmen und das Fremde und Andere durch eigenes Selbstvertrauen wertschätzen. Ja, das wäre der Anfang unserer Menschwerdung, und schon dadurch bekäme Weihnachten für uns einen immensen Sinn.

Selektion, Absonderung – das führt immer zum Tod. Weihnachten ist aber das Fest der Annahme. So wie Gott unsere Menschlichkeit angenommen hat, so sind auch wir dazu berufen, uns selber anzunehmen und mit uns dann aber bitte auch alle, die das Zeichen des Menschen an sich tragen. Es ist doch nicht die Einheit einer Rasse oder Farbe beispielsweise, die dem Menschen seine Größe und Schönheit gibt. Nach dem Willen Gottes ist es die Vielfalt, die Farbe, die Buntheit, die uns auszeichnen. Vielleicht ist ja Jesus gerade deshalb im letzten Winkel unserer Erde geboren worden, damit die Rassen, die Völker und Nationen, die sich für sehr wichtig, vielleicht sogar für einmalig halten, eben gerade nicht auf Gott berufen können. Nein, dieser Gott reißt den Himmel auf – mehr noch: Sein Himmel berührt durch das Weihnachtsfest die Erde, damit die Menschheit menschlicher werde.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen, ein von viel Menschlichkeit, Zuneigung und Zuwendung getragenes Weihnachtsfest, das Ihnen die Gewissheit schenkt: Ich bin von Gott angenommen und geliebt, so wie ich bin. Und für das kommende Jahr wünsche ich Ihnen aus genau dieser Erkenntnis heraus den Mut, sich immer für das Leben einzusetzen – für das Leben anderer, aber auch für Ihr eigenes Leben.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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