Gott macht keine Fehler


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

„Gerechter unter den Völkern“, das ist ein in Israel eingeführter Ehrentitel für nichtjüdische Einzelpersonen, die in der nationalsozialistischen Herrschaft vor und während des II. Weltkrieges ihr Leben einsetzten, um Juden vor der Ermordung zu retten.

In der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem finden sich zwischenzeitlich weit mehr als vierundzwanzigtausend Namen von Personen, denen dieser Titel zuteilwurde. Knapp ein Fünftel sind niederländischer Herkunft, und das hat mich immer wieder veranlasst, mich mit Schülerinnen und Schülern – neben der Lebensgeschichte von Anne Frank – eben auch mit anderen Zeitzeugen aus den Niederlanden zu beschäftigen.

Dabei kam ich irgendwann auf Corrie ten Booms. Ihr Buch „Die Zuflucht“ wurde verfilmt, und genau diesen Film habe ich mir mit den Schulklassen gerne angeschaut. Sehr einfühlsam wird hier geschildert, wie die Familie ten Booms in Den Haag zur Zeit der deutschen Besatzung Juden versteckte. Sie tut es aus christlicher Überzeugung und Corries Vater, ein stadtbekannter Uhrmacher, heftet sich einmal sogar einen Judenstern an, um seine Verbundenheit mit der jüdischen Bevölkerung zum Ausdruck zu bringen. Über ein Jahr lang geht alles gut; einige Juden finden im Haus ten Booms eine Zuflucht, bis ein weiteres Mitglied der Familie ihre Flucht organisiert. Dann bricht jedoch alles zusammen. Bei einer Razzia werden zwar die hinter einer Wand versteckten Juden nicht gefunden, aber die ganze Familie wird verhaftet.

Corrie, damals schon über 40 Jahre alt, kommt mit ihrer Schwester ins KZ Ravensbrück. Dort erlebt sie die Hölle von Zwangsarbeit, Schlägen, Kälte, Mord. In der überfüllten Baracke gibt es Flöhe, was für Corrie ganz besonders schlimm ist. Allerdings betreten die Aufseher aufgrund dieses Ungeziefers die Baracke nicht mehr, sodass die Schwestern diesen Freiraum nutzen konnten, um Medikamente und Lebensmittel für die schwächeren Mithäftlinge zu organisieren.

Ihre Schwester – so jedenfalls erzählt es das Buch – hat zwar die schwächere Konstitution, jedoch den stärkeren Glauben. Wie ein kleines Kind beharrt sie auf der Güte und der Weisheit Gottes im Angesicht menschlicher Grausamkeit. „Gott macht keine Fehler“, sagt sie immer wieder allen, die es hören wollen. Die meisten der Mithäftlinge kommen später um, auch Corries Schwester. Sie selbst wird aufgrund einer Verwechslung Ende 1944 aus der Haft entlassen und hat nach Kriegsende weltweit als Missionarin gearbeitet.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie nach dem Film immer betroffenes Schweigen in den Klassen zu vernehmen war. Aber einmal brach es aus einem Schüler heraus: „Gott macht keine Fehler! Das kann man doch so nicht sagen, das ist doch blanker Hohn. Wenn es einen Gott gibt, dann hat er das alles zugelassen – oder nicht? Dann ist er aber auch dafür verantwortlich und dann kann man doch nicht sagen: Er hat keine Fehler gemacht!“ Eine andere Schülerin wartete dann in großer Geduld auf das Ende des Gebrummels, welches nach dem Statement des Schülers eingesetzt hatte. Dann sagte sie: „Wenn ich ehrlich bin, dann würde ich auch gerne so glauben können. Glauben, dass Gott keine Fehler macht. Das ist doch ein ganz starker Gedanke, der besagt, dass letztlich alles irgendwann seine Richtigkeit hat. Und es heißt auch, dass meine eigenen Fehler gar kein so großes Gewicht mehr haben.“

Gott macht keine Fehler – dieser Satz hat sich den Schülern eingeprägt und eingebrannt – und: er beschäftigt mich bis auf den heutigen Tag. Kann ich das selber glauben? Bereits, wenn ich in die Urgeschichten der Bibel zurückgehe, ist dort doch von Mord und Totschlag die Rede, zum Beispiel bei Kain und Abel. Da wird der eigene Bruder aus lauter Neid erschlagen. Und Gott? Er verhindert diesen Mord nicht – nein: er stellt sich sogar noch schützend vor den Mörder. Niemand darf ihn antasten, sagt Gott, denn er ist mein Geschöpf. Menschliche Fehler können und sollen seinen Plan nicht durchkreuzen. 

Ein starker Gedanke, finden Sie nicht auch? Und nicht nur stark, sondern auch überaus tröstlich. Gott hält seinen Geschöpfen die Treue, trotz unvorstellbarer Schuld, trotz Leid und Tod. Der Brudermord, das Grauen von Ravensbrück, auch mein eigenes Versagen: Alles das wirft Fragen auf, auf die es keine Antwort gibt. Ich kann an dieser Stelle nur auf Jesus sehen, auf das Kreuz, an dem er gestorben ist. Hier wird Gott selbst zum Opfer menschlicher Schuld, muss er leiden und sterben. Aber am Ende dieser schrecklichen Geschichte stehen eben nicht die Verzweiflung, sondern das neue Leben und eine neue Möglichkeit des Miteinanders.

Die Schwestern und die Familie ten Booms wurden von diesem Glauben getragen. Das war es, was letztlich die Schüler und mich immer wieder bewegt hat. Der Glaube an Christus war ihre Zuflucht, und dort waren sie wirklich geschützt. Genau das aber hilft mir immer wieder neu, diesen Satz auszuhalten und ihn auch neu zu sprechen: Gott macht keine Fehler!

Herzlichst Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger




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