Gibt es einen Fußballgott?


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Diese Frage haben sich nicht nur viele eingefleischte Bayern-Fans nach dem verlorenen Champions-League-Finale gestellt, sondern diese Frage wird wohl auch in den kommenden Wochen wieder heiß diskutiert werden, wenn in Polen und der Ukraine die 14. Fußball-Europameisterschaft stattfindet.

Wie hat Rudi Assauer 2001 gesagt, als die Münchner den Schalkern in der 91. Minute noch die Meisterschale aus der Hand rissen? „Ich glaube nicht mehr an den Fußballgott. Und wenn es einen gibt, muss er ein Bayer sein.“ Und jetzt das …

Wenn man die Kommentare zu Fußballspielen im Radio oder TV so verfolgt, dann gibt es auf meine Frage nur eine Antwort: ja, es gibt einen Fußballgott! Schließlich wird er ständig bemüht und zitiert. Dabei meine ich jetzt nicht die Tatsache, dass manch ein Spieler wegen seiner unglaublichen Ballbehandlung schon mal als göttlich bezeichnet wird. Nein, es ist vielmehr so, dass der Fußballgott direkt mit dem Spiel und dem Spielverlauf zu tun hat. Beim Kampf der Nobodys gegen einen übermächtigen Gegner hilft doch oft nur noch Beten. Steht die Abwehr sicher und der Angriff kommt nicht durch, dann heißt es umgekehrt: hinten dicht, und vorne hilft nur noch der liebe Gott.

Der Fußballgott hat ganz offensichtlich mit dem Spiel an sich zu tun. Fußball ist ein Mannschaftssport, bei dem sich zweiundzwanzig Spieler – oder auch Spielerinnen – darum bemühen, einen Ball in einen 7,32 m breiten und 2,44 m hohen Kasten zu versenken. Dazu braucht es Spieler, die gut mit dem Ball umgehen können, und zugleich braucht es solche, die aufeinander achten und wirklich zusammenspielen können. Es braucht Trainer, die es verstehen, zu motivieren und Fans, die ihre Mannschaft anfeuern. Aber all dies ist noch keine Garantie für den Erfolg. Denn nicht immer wird die Mannschaft Sieger, die den schönsten Fußball spielt. Neben Bayern musste das vor Jahren auch Bayer Leverkusen (damals verschmäht als „Bayer Vizekusen“) schmerzlich erfahren. Und da, da kommt dann der Fußballgott ins Spiel. Denn es zeigt sich, dass der Grat zwischen Erfolg und Niederlage manchmal haarscharf ist und der Gewinn einer Meisterschaft oder eines Pokals eben auch ganz viel mit Glück oder Pech zu tun hat – und das ist nach menschlichen Vorstellungen einfach oft ungerecht. Andererseits macht genau das den Reiz des Fußballs – wie auch vieler anderer Sportarten – aus: Sieger wird nicht immer der Beste, siegen kann auch der Außenseiter und Favoriten können oft tief fallen. Da aber besteht dann Erklärungsbedarf – und da wird der Fußballgott dann bemüht.

Eigentlich ist das beim Fußball nicht anders als sonst im Leben. Wir wissen, dass wir viel selbst in der Hand haben. Leistung kann sich sehr wohl lohnen. Und doch: gerecht geht es nach unseren Vorstellungen eben häufig im Leben nicht zu. Zufälle entscheiden da über Schicksale. Den einen fällt scheinbar alles in den Schoß, und andere mühen sich oft das ganze Leben lang ab und kommen auf keinen grünen Zweig. Und zur Erklärung rufen dann Menschen nach einer göttlichen Macht, die Antworten gibt, die Klagen hört, der aber auch Dank gespendet werden kann. Das Bedürfnis, das eigene Erleben in einen größeren Zusammenhang einzuordnen, liegt uns Menschen scheinbar im Blut. Im Alltag, aber eben auch in der Freizeit und im Sport. So wird der Fußballgott bemüht, wenn menschliche Erklärungsversuche im Blick auf Sieg und Niederlage zu kurz greifen.

Es gibt also einen Fußballgott. Aber der ist nicht identisch mit dem Gott der Bibel, mit dem Gott Jesu. Viel mehr ähnelt er dem sogenannten „lieben Gott“, der auch im Alltag oft bemüht wird, wenn wir Menschen Ungerechtigkeiten erleben oder beobachten. Dieser liebe Gott hat sozialistische Züge an sich, weil Glück und Unglück gleich verteilt sein sollen. Doch der Gott der Bibel ist damit nicht identisch. Er hat zwar diese Welt geschaffen, sie aber nicht so eingerichtet, dass alles gleich verteilt ist. Schon im Alten Testament klagen ja die Menschen: Warum geht es den Gottlosen so gut und den Frommen so schlecht? Auf diese Frage weiß ich keine Antwort, die Sie oder mich zufrieden stellen würde. Wir können nur sagen, dass Gott diese Welt so eingerichtet hat, dass alle darin leben können. Aber von gerechter Verteilung kann nun wahrlich nicht die Rede sein. Wie Ihr und mein Leben noch verlaufen wird? Wer mag es sagen. Und wer will behaupten, dies Leben ist leicht, und das von jenem ist schwer. Genauso wenig kann nun aber – um auf den Fußball zurückzukommen – jemand voraus berechnen, wer nun in vier Wochen das Endspiel gewinnt. Genau das macht aber den Reiz aus: ich weiß beim Anpfiff nicht, wie es nach 90 Minuten aussehen wird. Und beim Leben ist es ähnlich: das Spannende und zugleich Aufregende oder auch Ärgerliche und Angst machende ist die Tatsache, dass ich nicht weiß, wie es weitergeht. Sicher sind nur die Zusagen Jesu: Ich bin bei euch alle Tage, bis ans Ende der Welt.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen eine schöne und aufregende Europameisterschaft – und denen, die mit Fußball nun gar nichts anfangen können, denen wünsche ich eine heitere Gelassenheit, die anderen – ob nun Familienangehörige, Freunde oder auch Kollegen – in diesen vier Wochen zu ertragen.

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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