Geschenkte Zukunft


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Der Tatbestand war eindeutig, die Schuldfrage also rasch geklärt. Auf frischer Tat ertappt! Die „Ehebrecherin“ steht also zurecht im Hof des Tempels, wo alle Augen auf sie gerichtet sind. In diesem heiligen Bezirk soll es an diesem Tag so richtig zur Sache gehen. Ein Freispruch ist undenkbar und deshalb muss diese Frau nach dem Gesetz gesteinigt werden. So steht es in der Schrift, so will es Mose. „Und du? Was sagst du dazu?“, wird Jesus angefragt.

Die Frage ist gerissen formuliert und die ganze Szene strategisch klug eingefädelt. Welche Antwort Jesus auch wählt, sie kann nicht richtig sein. Bejaht er, was die aufgebrachte Menge fordert, entstellt er seine Botschaft von der Barmherzigkeit Gottes. Spricht er sich gegen die Steinigung aus, muss er sich vorwerfen lassen, die Autorität des Gesetzes zu missachten und das hieße – nach damaligem Verständnis – die Autorität Gottes zu missachten: Gotteslästerung! Die Strafe hierfür ist gleichfalls der Tod. Jesus konnte also einer Anklage gar nicht entgehen. Jesus und die Ehebrecherin, das ist schon so etwas wie eine Schicksalsgemeinschaft.

Jesus begreift schnell, was um ihn herum gespielt wird. Dass sich da auf einmal Schriftgelehrte und Pharisäer an ihn wenden, obwohl sie ja seine Autorität immer strikt abgelehnt haben und dass da eine junge Frau benutzt wird, um ihn auf die Anklagebank zu bringen. Deshalb lässt Jesus die Ankläger stehen und sich auch nicht von den aufgeregten Worten bestimmen, die ihm da entgegengeschleudert werden. Vielmehr unterbricht er die unheilvolle Dynamik des Geschehens, in dem er sich auf den Boden setzt und in den Staub schreibt. Rätselhaft für alle, die ihn in diesem Moment umgeben. Jesus entzieht sich – und damit entzieht er den Anklägern ihre eigentliche Zielscheibe. Die, die sich ihrer Sache eben noch so sicher waren, verschanzt hinter Recht und Gesetz, sie sind plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen.

Jesus geht es nicht um Recht und Gesetz, sondern um eine Zukunft, in der das Leben aller Beteiligter gelingen kann. Er überwindet die Zuspitzung dieser Situation, in dem er den scheinbar logischen Zusammenhang von Schuld und „gerechter“ Strafe am empfindlichsten Punkt unterbricht: bei der Verurteilung. Und er tut dies in einer außergewöhnlich provozierenden Geste. Eben keine kluge Antwort, keine brillante Widerrede, auch kein Hinweis auf evtl. vorhandene Lücken im Gesetz. Jesus braucht Zeit, eine Umkehr der eingeschlagenen Richtung zu erreichen und er nimmt sich diese Zeit und schenkt sie allen anderen: sowohl den Anklägern wie auch der jungen Frau.

Nach dem mosaischen Gesetz werden Eheleute, die des Ehebruchs überführt werden, mit dem Tod bestraft. Die ausdrückliche Strafe der Steinigung gilt dabei nur den ganz jungen Frauen, die sich als Verlobte „verführen“ lassen und sich “nicht ausreichend zur Wehr setzen“ – und natürlich immer auch dem männlichen Täter. Vermutlich haben wir es hier also mit einem 14-16 Jahre alten Mädchen zu tun; allein und schutzlos steht sie vor ihren Anklägern wegen etwas, woran man allein nicht schuldig werden kann. Leichte Beute – benutzt eben als „Fall“, der eigentlich diesen Jesus zur Strecke bringen soll.

Jesus schreibt noch immer wie unbeteiligt mit seinem Finger in den Staub. Und dann endlich greift er ins Geschehen ein. Es ist nur ein Satz, den er zu sagen hat. Ein Satz, der die Verurteiler selbst trifft und nicht ihre Rechtsauffassung: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein.“ Mit wenigen Worten entreißt Jesus den Anklägern ihren Fall und führt sie zu sich selbst. Alle Beteiligten sind von diesem Moment an aus ihren Rollen herausgerissen. Es stehen nicht mehr länger Ankläger und Angeklagte, nicht Verurteiler und längst Verurteilte voreinander. Nein, jetzt geschieht Begegnung von Angesicht zu Angesicht und zwar jenseits aller Ordnungen von Recht und Gesetz, von Schuld und Strafe, von Fall und Urteil. In der Person der „Ehebrecherin“ zeigt sich Schuld und Verzweiflung, Not und Leid eines Menschen – aller Menschen. Und dieses junge Mädchen erinnert auch daran, dass alle Menschen durch die Erfahrung von Schuld miteinander verbunden sind. Aber entweder gilt allen die barmherzige Liebe Gottes – oder keinem.

„Wer von euch ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.“ Entwaffnende Worte Jesu. Obwohl sie tief treffen, entschärfen sie die Situation, weil sie alle Beteiligten betreffen. Jede und jeder ist im Kern der eigenen Person angesprochen – nicht als „Fall“ und nicht in einer bestimmten „Rolle“. Alle erhalten so die Chance, als Mensch unter Menschen zu antworten. Wir wissen wie die Geschichte ausgeht. Die Verurteiler wenden sich schweigend ab und gehen nach Hause. Befreit vom Vorwurf der Schuld und von Jesus ermutigt zu einem Leben in Fülle, verlässt auch die junge Frau den Schauplatz des Geschehens: aufrecht und frei. Doch das ist nicht alles. Was bleibt ist nicht nur die Erfahrung, gerade noch mal davongekommen zu sein. Beiden, den „Gerechten“ wie der „Sünderin“, ist eine neue Freiheit geschenkt, die geprägt ist von einer viel tieferen Erfahrung: Nämlich der barmherzigen Liebe Gottes begegnet zu sein.

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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