Generationenwechsel – es trifft jede/n


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Da hat er mehr als 40 Jahre treu und gewissenhaft seinen Job gemacht. Hat sich über Gebühr angestrengt und eingebracht – doch jetzt soll Schluss sein. Jetzt sollen Jüngere ran. Wer von uns kennt eine solche oder ähnliche Situation nicht aus seinem engsten Freundes- und Bekanntenkreis?

Dass es so etwas aber auch in der Bibel gibt, hätten Sie das gedacht? Doch es ist so, nämlich bei Mose. Genau, das ist derjenige, der so etwas wie der Kopf des Unternehmens beim „Auszug aus Ägypten“ war. Er hat die Israeliten angeführt und sie sicher durch die Wüste geleitet. In all den Jahren hatte er es hervorragend verstanden, den Laden zusammenzuhalten, was ja gerade in Krisenzeiten nicht unbedingt einfach gewesen sein dürfte. Vor allem aber hat er bei seinen Leuten den Traum wachgehalten, dass Gott sie zu einem wunderbaren Ziel führen wird – dem Land, in dem die Freiheit winkt, in dem Milch und Honig fließen.

Doch dann hat Gott kurz vor dem Ziel zu ihm gesagt: „Mose, du hast deinen Auftrag erfüllt. Aber du wirst mein Volk nicht ins gelobte Land bringen.“ Ich kann mir gut vorstellen, dass da in Mose der Gedanke aufgekommen ist: „Mein Gott, und wie soll das ohne mich weitergehen?“ Die Bibel erzählt dann recht ausführlich, wie Gott selbst dafür sorgt, dass so ein Übergang gelingen kann. Zunächst einmal hat er es Mose ermöglicht, aus seinem Alltagsgeschäft herauszukommen und ganz in Ruhe seine Lage zu überdenken. Es ist fast schon so etwas wie eine „Kur“, die Mose ermöglicht wird. Er kommt hoch hinauf auf die Berge, dann sieht er die Weite des Tales und es weitet sich so auch sein innerer Blick. Vielleicht war das der Moment, in dem Mose auch offen geworden ist, seine bisherige Aufgabe wirklich aus der Hand zu geben und zu akzeptieren, dass er älter geworden ist und seine Zeit so allmählich abläuft.

Allerdings hat Gott dann auch dafür gesorgt, dass Mose selbstkritisch und ehrlich auf sein Lebenswerk zurückblicken kann. Mir kommt das so vor, als wüsste Gott nur allzu gut: Wer gut und richtig aufhören will, der braucht auch den kritischen Blick zurück nicht scheuen. Im Gegenteil: Der kann das, was gewesen ist, annehmen und es dann gut sein lassen. Deshalb gilt auch mein größter Respekt all den älteren Menschen, denen genau das gelingt: Die die Erfolge und die Schattenseiten ihres Lebenswerkes wirklich Gott in die Hände legen und sagen: Danke für alles – und nun mach du weiter! Und mit genau diesem gelassenen Weitblick des Alters, kann dann auch Mose einen Blick in das verheißene Land hin­überwerfen und so eine Ahnung davon bekommen, was Gott weiter mit ihm vorhat. Ich bin davon überzeugt: Ein solcher Ausblick tut gut, weil er ganz deutlich zeigt, dass die ganzen Jahre, die man geschafft hat, letztlich ja nicht vergebens gewesen sind. Alle Entbehrungen und Kämpfe haben sich gelohnt und man hat seinen Beitrag dazu geleistet, dass das Ziel jetzt zum Greifen nahe ist. Vielleicht hat es ja auch Mose schlussendlich so empfunden: Sollte es doch ruhig ohne ihn weiter gehen. Er hatte sein Ziel schon erreicht.

Aus dieser inneren Gelassenheit bittet er dann Gott um einen Nachfolger. Ich finde, das hat wirklich Größe: Ein alter Mann macht Platz für einen jungen namens Josua und vertraut darauf, dass der das schon richtig machen wird – obwohl er nicht die Erfahrung hat, obwohl er sich noch nicht bewähren musste, obwohl er vieles anders machen wird. Aber so ist das eben: Josua ist nicht Mose. Der Juniorchef geht anders an die Sache heran, als der Senior. Die junge Mitarbeiterin hat einen anderen Stil als die Dame, die bislang den Platz innehatte. Aber darum geht es ja auch gar nicht. Es geht doch vielmehr darum, dass die, die abtreten, und die, die nachfolgen, sich achten und gewähren lassen und so gemeinsam die Sache voranbringen.

Auch Mose und Josua hatten das gleiche Ziel vor Augen: Die Israeliten sollten das Land der Freiheit erreichen, das Gott ihnen versprochen hat. Und dazu war vor allem der Segen Gottes wichtig. Deshalb hat Mose seinem Nachfolger die Hände aufgelegt und ihn für die große Aufgabe gesegnet. Eine schöne Szene: Da verbeugt sich der junge, tüchtige Mann vor dem alten Herrn, und der gibt ihm das Beste mit auf den Weg, was er hat: Den Segen Gottes. „Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nie den Mut, denn der Herr, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tust.“ Mit diesen Worten begibt sich Josua in die Fußstapfen seines Vorgängers.

Nach diesem Übergang wird Josua nie vergessen, was er seinem Vorgänger zu verdanken hat. Und Mose kann in den Ruhestand treten mit der mehr als tröstlichen Gewissheit: Es geht weiter! Mit Gottes Segen geht es weiter, für mich und für die, die nach mir kommen. „Lass dich durch nichts erschrecken, und verliere nie den Mut…“ – das gilt auch Ihnen und mir!

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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