Gärtnerin und Gärtner sein


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Von G.B. Shaw, dem irischen Dramatiker, Politiker und Satiriker, stammt der vielsagende Satz: „Du siehst Dinge, die es gibt und fragst: Warum? Aber ich träume von Dingen, die es nie gegeben hat und sage: Warum nicht?“

Wenn ich diese Aussage so betrachte, dann stelle ich fest: Shaw geht davon aus, dass es verschiedene Möglichkeiten gibt, das Leben zu betrachten und zu gestalten. Da kann man einmal von der Gegenwart ausgehen, in die Vergangenheit zurückblicken und fragen, warum alles so gekommen ist, wie es sich jetzt für mich darstellt. Man kann sich aber andererseits auch eine gute Zukunft ausmalen und sich dann von der Gegenwart ausgehend, an genau diesen Wunschtraum herantasten.

Ich für meinen Teil finde, dass die zweite Möglichkeit die Lebensperspektive von uns Christen sein sollte. Und wenn wir jetzt dann zu Beginn des Monats Oktober wieder das Erntedankfest miteinander feiern, dann liegt es doch nahe, sich genau diese Zukunft einmal im Bild eines Gartens vorzustellen. Der selige Papst Johannes XXIII. hatte sicher die Paradieserzählung im Hinterkopf, als er das Ziel menschlichen Lebens einmal so formulierte: „Wir sind nicht auf dieser Erde, um ein Museum zu hüten, sondern um einen Garten zu pflegen, der von blühendem Leben strotzt und für eine schöne Zukunft bestimmt ist.“ Dieser Traum vom Garten und vom Gärtner aber, der könnte doch uns mobilisieren und Schritt für Schritt in eine schöne Zukunft hineinführen – vorausgesetzt, wir spielen ihn immer und immer wieder neu für die verschiedenen „Felder“ unseres menschlichen Lebens durch.

So denke ich z.B. einmal an das Lebensfeld der Natur und male mir aus, wie hier harmonisches Leben gelingen kann. Ich träume von Menschen, die sich selbst als Geschöpf, als einen Teil der Schöpfung verstehen; die wissen, dass sie der Natur nicht nur gegenüberstehen und sie beherrschen können, sondern selbst – in ihrem Werden und Vergehen – zu dieser Natur gehören. Und ich träume von Menschen, die zur rechten Zeit im Garten der Schöpfung tätig werden; die zur Saat und Ernte eingreifen, ihren Einsatz als Dienst und Hilfe ansehen, dass die Natur zu sich selbst kommen kann. So möchte ich vom Garten der Schöpfung träumen und sagen: Warum nicht?

Dann denke ich an das Lebensfeld der Kirche und aller kirchlichen Einrichtungen, und ich wünsche sie mir als Orte blühenden Lebens; als Gärten, in denen auch die Blumen einen Platz haben, die nicht duften und in denen gerade die Pflanzen gehegt und gepflegt werden, die im Schatten stehen, die krank sind oder sich einfach nicht entfalten können. Ja, ich stelle mir Christen vor, denen man ihren ureigenen Glauben an eine Erlösung und Befreiung ansieht, denen man diesen Glauben von ihren frohen und zufriedenen Gesichtern ablesen kann. Und dann stelle ich mir die Verantwortlichen in meiner Kirche als Menschen vor, die eben nicht wie stocksteife Museumswärter nur alte Formen und Formeln bewachen und ständig sagen: „Bitte nicht berühren! Ruhe bitte!“. Nein, ich stelle sie mir lieber als Gärtner vor, die sich am Wachstum, an der Vielfalt, ja auch an neuen Pflanzen freuen können und die es überhaupt nicht nötig haben, das bisher Unbekannte sofort als Unkraut oder als unliebsames Pflanzenwerk auszureißen. So möchte ich vom Garten der Kirche träumen und sagen: Warum nicht?

Und nicht zuletzt denke ich an das Feld meines eigenen Lebens. Wenn ich mir da das Bild des Gartens vorstelle, dann werde ich dankbar für das, was andere für mich gesät haben; für das, was – trotz Leid und Krankheit – mit der Zeit gewachsen und durchaus gereift ist; für die Zeiten, in denen mein Leben farbenfroh war und ist und ich immer wieder neu aufblühen und Leben spüren durfte und auch in Zukunft spüren und erfahren darf. Auch und gerade in diesem, meinem ganz persönlichen Leben, hoffe ich, dass ich nicht nur ein Museum alter Gewohnheiten behüte und nicht nur auf die Vergangenheit festgelegt bin, sondern dass ich immer wieder Felder bei mir entdecke, die noch brachliegen, die bislang ganz unentdeckt waren und jetzt dringend bearbeitet gehören. Auch von diesem Garten meines ganz persönlichen Lebens möchte ich träumen und sagen: Warum nicht?

Apropos: Wie wär es denn, wenn Sie mit mir träumen würden? Ich möchte Sie gerne dazu einladen, denn schlussendlich können Sie dabei nicht verlieren, sondern nur gewinnen. Träumen Sie mit mir, damit nicht Museumswärter die Felder beherrschen, sondern Gärtner, denen etwas an einem blühenden Leben liegt. Träumen Sie mit mir, damit in unserer Welt, in unserer Kirche und in unserem je eigenen Leben etwas von der herrlichen Zukunft durchschimmert, die uns in Jesus verheißen wurde. Träumen Sie mit mir, damit wir nicht aus dem wundervollen Garten Gottes in Teufels Küche geraten…

Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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