Frauen und Männer


Gedanken für mich ­– Augenblicke für Gott

Nicht, dass Sie jetzt denken, Sie seien im falschen Film, wenn ich Ihnen eine Geschichte erzähle, die eher in der Weihnachtszeit anzusiedeln ist. Aber sie scheint mir mehr als gut geeignet, um das zu thematisieren, was mir derzeit durch den Kopf geht.

In dieser feministischen Geschichte der „Heiligen Drei Königinnen“ finden die Frauen den Stall mit dem Kind in Bethlehem. Eine von ihnen geht auf das Neugeborene zu und sagt: „Du bist aber ein hübsches Mädchen“. Worauf Josef sagt: „Es ist ein Junge!“ Und auch Maria gibt zu verstehen: „Ja, es ist ein Junge!“ Worauf dann die eine Königin zu den beiden anderen sagt: „Oberpeinlich! Gehen wir. Wir sind am falschen Platz!“

Am falschen Platz finden sich leider auch viele Frauen, die es (noch) in der Kirche aushalten. Zumindest ist das mein Eindruck. Andere sind – auch wenn Frauen immer noch die Mehrheit in unseren Gemeinden bilden – zumindest innerlich schon längst aus der Kirche ausgezogen. Und es bleibt für mich die Frage: Was bleibt von einem Jesus für Frauen und Männer, wenn erst einmal der Schutt einer durch Männer dominierten Schriftauslegung beiseitegeräumt wurde? Die Evangelisten geben ja ein sehr eindeutiges Bild von Jesus und seiner Beziehung zu recht unterschiedlichen Frauen, denen er begegnet ist. Denken wir nur mal an die Frau am Jakobsbrunnen. Obwohl sie eine recht bewegte Vergangenheit hat, führt Jesus ein sehr intensives religiöses Gespräch mit ihr. 

Dieser neue Blick öffnet uns für die Art der Beziehungen Jesu und wie er Institutionen und Gemeinschaften einschätzt. Im Klartext: Wenn sie nicht den Menschen dienen, dienen sie zu nichts. Wie hat mal ein kritischer Zeitgenosse gesagt: „Die Menschen in der Kirche haben sich längst geöffnet; wer aber weiterhin verschlossen bleibt, das ist das System Kirche. Und genau das macht ihre Krise aus.“ Wenn dem aber so ist, dann gilt es gegen dieses geschlossene System anzugehen, welches Frauen nur eine untergeordnete Rolle zuweist. 

Schauen wir mal auf die vier namentlich erwähnten Mütter im Stammbaum Jesu: Tamar, Rahab, Ruth und Batseba. Wenn ich nach kirchlichen Moralvorstellungen gehe, dann gehören sie samt und sonders zu der Kategorie „sündige Frauen“ und Maria passt mit ihrer vorehelichen Mutterschaft hervorragend in diese Reihe – ohne Frage. Die eigentlichen Sünden der vier genannten bestanden darin, dass sie gegen die religiösen Vorschriften und Traditionen des Volkes ein menschenwürdiges Leben erkämpften. Tamar geht nach der Art einer Dirne eine flüchtige Verbindung zu ihrem Schwiegervater ein, um durch Nachkommen das Leben des Volkes zu sichern. Rahab, genannt die „wilde“ Dirne von Jericho, rettet die Späher des Volkes Israel beim Einzug in das versprochene Land. Ruth – zu deutsch „Gefährtin“ – verführt den Boas auf freiem Feld. Damit stehen nachweislich drei Ausländerinnen im Stammbaum Jesu – und was für welche! Und schließlich Batseba, die ein ehebrecherisches Verhältnis mit König David pflegt, und eines der gemeinsamen Kinder ist dann der spätere König Salomon. 

Was war jetzt aber das „Sündhafte“ ihres Lebens? Es ist das Gleiche, was auch heute noch viele Frauen ertragen und erleiden müssen: Als kinderlose Witwen; als Prostituierte; als rechtlose Ausländerinnen, ständig von Abschiebung bedroht; als von einflussreichen Männern begehrte Frauen müssen sie zusehen, wie sie irgendwie durchs Leben kommen. Auffällig ist schon, dass Jesus gerade auf diese Frauen zugeht, die außerhalb der geltenden gesellschaftlichen Ordnung leben und sich mit ihnen zeigt. Wobei geklärt werden muss, was verstehen wir denn unter Sünde? Ich weigere mich ganz vehement, den alten Katalog aus dem Katechismus herunterzuleiern. Es ist an der Zeit, bessere Beschreibungen zu finden, Worte, die greifen. Vielleicht das Wichtigste zuerst: Das Christentum darf nicht mit der Moral verwechselt werden, wie man das über Generationen hinweg gepredigt hat. Jesus hat nämlich keine Moral gelehrt, sondern das Reich Gottes verkündet. Dementsprechend muss das Christentum eine heilende und eine versöhnende Religion sein.

Ich bin der Überzeugung: Wer glaubt, der findet auch zu einem moralischen Leben. Dasjenige „er-findet“ buchstäblich seine Lebensregeln, weil der Glaube dabei Richtschnur allen Denkens und Handelns ist. Wer allein „moralisch“ lebt, wird nicht unbedingt den Glauben finden, den Jesus in uns wecken wollte. Im Grunde ist doch „Sünde“ eine Tatsache, die wir nicht abschaffen können. Wir scheitern immer wieder an unserem Ideal von einem achtsamen und liebevollen Umgang miteinander. Wir scheitern an dem großen Anspruch nach Frieden durch Gerechtigkeit. Wir scheitern daran – zumindest in meiner Kirche -, den Frauen wie den Männern ihre Würde und ihren gleichen Wert zu geben. Und wir scheitern daran, Gott dadurch zu lieben, dass wir uns selbst lieben wie den Nächsten neben uns.

Wir brauchen nicht mehr zu betonen, dass Jesus – trotz einer ganz anderen Zeit und ganz anderen Voraussetzungen – keinen Unterschied macht zwischen Frauen und Männern. Die Erlösung gilt allen Menschen. Und das bedeutet schlicht und ergreifend, dass Vergangenes nicht mehr aufgerechnet wird. Jesus richtet nicht, weil auch sein Vater nicht richtet. Jesus richtet vielmehr auf, wie auch sein Vater aufrichten will.

Das ist der Trost und die Ermutigung schlechthin, wenn wir gefallen, wenn wir gescheitert sind: Wir haben in Jesus Christus einen liebevollen Begleiter gefunden, der sich nicht scheut, die Konsequenzen seiner Zuneigung und Liebe zu Gott und uns Menschen bis zum bitteren Ende zu tragen. Das war und ist so einzigartig, dass es auch nach 2000 Jahren nicht vergessen werden kann – weder von Männern noch von Frauen.    

Herzlichst, Ihr

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und 

Residentenseelsorger




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