»Erwartungen«


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„Lichtblicke“ der deutschen Seelsorger auf Teneriffa – diesmal von Pfarrer Hansjörg Rasch, Katholische Gemeinde Teneriffa Nord

Kinder freuen sich auf Weihnachten, weil es Geschenke gibt. Natürlich freuen sie sich auch über Geschenke. Aber es gibt über sie auch konkrete Vorstellungen. Kinder können sehr enttäuscht sein, wenn das Geschenk anders ausfällt als erwartet.

Solche Reaktionen gibt es nicht nur bei Kindern. Auch Erwachsene haben so ihre konkreten Vorstellungen: Vom Traumhaus, vom Traumpartner, von einer ganz bestimmten Zukunft. Wenn das alles so funktioniert, dann ist es in Ordnung. Aber wenn es anders kommt? Wenn das Traumbild zu konkret war, dann kommt es sehr leicht anders, und die Enttäuschung fällt entsprechend heftig aus.

Menschen haben auch ganz bestimmte Vorstellungen von Gott. Sie werden z. B. geprägt durch die Erziehung, den Religionsunterricht, durch biografische Erfahrungen. Diese Vorstellungen wechseln im Lauf des Lebens: Da gibt es den lieben Gott, den Aufpasser-Gott, den Reparatur-Gott, den unfasslichen Gott, den Feiertags-Gott oder den Festhalt-Gott. Wenn ich mir Gott mit meinen begrenzten menschlichen Möglichkeiten allzu konkret vorstelle, ist es – wie bei den Geschenken – leicht möglich, dass sich Gott zwar in meinem Leben meldet, ich aber dennoch enttäuscht bin, weil sein Wirken nicht mit meinen Plänen zusammengeht. 

In einer ganz ähnlichen Situation befindet sich Johannes der Täufer, als er seine Jünger zu Jesus schickt, um ihn zu fragen: „Bist du es, der kommen soll, oder müssen wir auf einen anderen warten?“ Er sitzt im Gefängnis, gefangen von Mauern und Gittern, gefangen auch von Zweifeln und Angst. Den Messias des Herrn hatte er sich anders vorgestellt. Nach jüdischem Verständnis muss der Messias mit Macht und Kraft auftreten, unübersehbar, für alle eindeutig und klar zu erkennen mit einem Glanz, der alles Dunkel strahlend vertreibt. Was gekommen ist, schaut ganz anders aus: Jesus gibt sich meist unspektakulär und bescheiden, verhält sich ungewohnt, ganz anders, als ein Messias das wohl tun würde. Hat er, Johannes, sich getäuscht, verschätzt, verspekuliert? 

In diesen für die Gesellschaft kaum wahrnehmbaren, für den Einzelnen aber revolutionären Begegnungen und Veränderungen eröffnet Jesus von Nazaret eine neue Dimension im eigenen Leben und eine neue Sichtweise auf Gott hin. Das ermutigt – um es mit den Worten Jesajas zu sagen –, das stärkt die erschlafften Hände und festigt die wankenden Knie. Indem sich Menschen auf diesen ganz anderen Gott einlassen, entdecken sie für ihr Leben neue Wege und neue Kraft, sie zu gehen.

Advent – wir betrachten uns in dieser Zeit als Menschen, die auf etwas warten – nicht nur ein paar Wochen, sondern ein Leben lang. Wir dürfen uns der Zusage neu vergewissern, dass Gott tatsächlich kommt – vielleicht ganz anders als erwartet, aber er kommt. Vielleicht könn-te es helfen, sich in der eigenen Wahrnehmung der Menschen, Dinge und Ereignisse eine neue Ausdrucksweise anzugewöhnen. Wir differenzieren gerne in zwei Richtungen – gut und schlecht, hell und dunkel, schwarz und weiß. Würde es nicht manchmal die Perspektive ändern, nicht zu sagen, es ist schlechter, sondern es ist anders gekommen? Nicht meine Träume sind zerplatzt, sondern sie haben sich ganz anders erfüllt? Nicht mein Leben ist kaputt, sondern es bringt ganz neue Herausforderungen mit sich? In endgültigen und negativen Formulierungen steckt kein Leben, keine Entwicklungsmöglichkeit. In jedem „anders“ steckt Energie, Abenteuer, neue Kraft. Im Leben kommt es meistens anders, als man denkt. Gott ist mit Sicherheit auch ganz anders als wir denken. Und dennoch gibt es ihn, das dürfen wir erwarten.

Pfarrer Hansjörg Rasch

Deutschsprachige

Katholische Gemeinde

Puerto de la Cruz




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