Erntedank


Gedanken für mich – Augenblicke für Gott

Erntedank – ein Sonntag, den wir in diesen Tagen feiern und ein Fest, das eigentlich nicht selbstverständlich ist. Wir leben doch schon lange nicht mehr in einer Welt, die von der Landwirtschaft geprägt ist. Selbst die Industriekultur lassen wir bereits hinter uns, weil wir dabei sind, uns in eine hochdifferenzierte Informationsgesellschaft einzuleben.

Haben wir angesichts der modernen Technologien – Computer-, Gen-, Nanotechnologie – überhaupt noch ein Gespür für das, was man unter Erntedank versteht? Es ist heute mehr die Rede von Kalkulation, von Ausgleich zwischen Angebot und Nachfrage, von Globalisierung als von Erntedank und Erntesegen. Dazu kommt natürlich auch, dass wir ganz genau wissen: Wenn es mal kein gutes Erntejahr gibt, sind die Regale unserer Supermärkte trotzdem gut gefüllt. Unsere Ansprüche sind groß geworden und einen Aufschrei unsererseits gibt es doch nur, wenn die Preise mal wieder über Gebühr anziehen. Dankbarkeit aber – mit der ist es nicht weit her, sie steht nicht hoch im Kurs. Sicherlich: Wir können aus der Entwicklung unserer Welt nicht einfach aussteigen, das wäre irreal. Und in der Tat haben wir es ja rational-technisch auch sehr weit gebracht – ja wir sind dabei Weltspitze. Aber andererseits müssen wir eben genauso nüchtern feststellen, dass der Computer uns nicht das geben kann, was zum Gelingen des Menschseins einfach gehört: Sinn, Wahrheit, Verantwortung, Ethik. Ohne PC haben wir es zwar heute beruflich in vielerlei Hinsicht schwerer, aber wenn wir nur noch den Computer kennen und uns ihm ganz ausliefern, geht es mit unserem geistigen Leben immer mehr den Bach runter und wir degenerieren zu Banausen. Man versteht sich selbst nicht mehr und damit auch nicht die Welt, geschweige denn Gott. Man ist spirituell am Ende und es stimmt im Leben hinten und vorne nicht mehr.  

In der Bibel heißt es: „Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten.“ Das meint letztlich nichts anderes, als dass es hier um einen elementaren Vorgang geht: um Säen und Ernten, um Geben und Empfangen. Wir können nicht alles selbst machen und wir haben uns nicht selbst gemacht. Wir können auch aus unserem Leben nicht herausholen, was anlagemäßig nicht in uns ist. Wir können unser Leben nicht ins Unendliche verlängern; wir sind und bleiben endliche, hinfällige und sterbliche Menschen.

Erntedank, das ist ein Fest, welches wir nur dann feiern können, wenn wir unser Leben als eine verdankte Existenz verstehen und begreifen. Verdankte Existenz in dem Sinne, dass ich weiß, wer  ich bin, woher ich komme, wohin ich gehe, was der Sinn des Lebens ist, was die Welt im Innersten zusammenhält. Ich stehe also in Beziehung zum Ursprung und Ziel meines Lebens.

Verdankte Existenz bedeutet auch, dass ich weiß: Ich lebe im letzten eben nicht von meinen eigenen Leistungen und auch nicht von dem, was ich mir leisten kann, sondern von dem, was mir geschenkt wird, was ich empfange. Empfangen geht vor Handeln. Zuerst sind unsere Hände geöffnet, dann erst sind sie tätig. Wir sind nicht Macher des Lebens, sondern Empfänger – ganz so wie es Paulus auf den Punkt gebracht hat: „Was hast du, das du nicht empfangen hast?“

Und nicht zuletzt bedeutet verdankte Existenz, dass ich weiß: Wenn ich anfange zu Denken, dann komme ich auch zum Danken. Die Worte „denken“ und „danken“ unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben. Im Denken komme ich dahinter, dass Gott es ist, der lebt und Leben schenkt. Es hat uns – Sie und mich – mit vielen guten Gaben ausgestattet. Er ist es, der uns das tägliche Brot schenkt und uns vergibt, wenn wir schuldig geworden sind. Ja, er verschenkt sich an uns in seinem Sohn, damit wir etwas von dem spüren und erfahren können, wie Gott ist und wie er zu uns Menschen steht. Wenn wir uns all dessen wirklich bewusst werden, dann spüren wir, dass wir unendlich beschenkt sind – und dass man dazu eigentlich nur „Danke“ sagen kann. Aber dieses Danke, das sollte uns dann auch bereit und fähig machen, diese empfangenen Gaben auch an die Mitmenschen – gleichgültig wo – weiterzugeben. 

Das ist doch das Geheimnis unseres Lebens: Säen und Ernten, Empfangen und Geben, Denken und Danken!

Bertram Bolz, Diakon

Kath. Touristen- und

Residentenseelsorger

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